FORSCHEN MIT VERANTWORTUNG
In der Geographie ist Forschung immer mit Räumen, Ressourcen, Bevölkerungen und politischen Entscheidungen verbunden. Forschung kann beeinflussen, wie Räume geplant, reguliert oder bewertet werden, wie bestimmte Bevölkerungsgruppen dargestellt werden oder welche Räume als problematisch oder förderwürdig gelten. Forschen mit Verantwortung bedeutet daher, die eigenen Forschungsfragen, Methoden, Darstellungen und Kooperationen kritisch zu reflektieren und die möglichen Folgen der Forschung mitzudenken. Verantwortung umfasst unter anderem den Schutz von Teilnehmenden, den sensiblen Umgang mit Daten und Orten, die Reflexion von Machtverhältnissen zwischen Forschenden und Beforschten, die Frage, wem Forschung nützt und wessen Wissen sichtbar gemacht wird. In der qualitativen Geographie spielt auch die Frage eine Rolle, wie Forschungsergebnisse zurückgegeben werden, wie mit sensiblen räumlichen Informationen umgegangen wird oder ob Forschung bestehende Ungleichheiten reproduziert oder hinterfragt.
Forschungsethik
Seit den 1980er-Jahren befassen sich Geograph*inne mit den Beziehungen zwischen Ethik und ihrem Forschungshandeln. Geographen*innen reflektieren die Beziehungen zwischen sich als forschende Person mit allen Positionalitäten, Interessen und Forschungszielen und den Forschungs’gegenständen‘, über die sie Wissen generieren. Diese Wissensproduktion betrifft sowohl die menschliche als auch natürliche Welt, beispielsweise mit Blick auf die Sorge um die Umwelt für künftige Generationen. Weitere ethische Fragen betreffen die Kartierung der sozialen und natürlichen Welt und die Auseinandersetzung mit den ethischen Implikationen aufgrund digitaler Technologien.
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Vobbe, F. (2026): Angewandte Forschungsethik in der Qualitativen Sozialforschung. Orientierungshilfe zur Untersuchung kritischer Lebensereignisse. Barbara Budrich.
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Wintzer, J., and S.Thieme. 2026. “Beyond Judgment and Approval: Establishing Process-Oriented Ethics in Geography.” Areae70095. https://doi.org/10.1111/area.70095.
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McKnee, H. A. & J. Porter (2009): The ethics of internet research: a rhetorical, case-based process. Bern: Peter Lang.
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Tiidenberg, K. (2017): Ethics in digital research. In: Flick, U. (ed.): Handbook of qualitative data collection. London: Sage, 466–481.
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EUI, Guide on good data protection practice in research (2017): https://www.eui.eu/documents/servicesadmin/deanofstudies/researchethics/guide-data-protection-research.pdf
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Kotsios A., M. Magnani & D. Vega, L. Rossi & I. Shklovski (2019): An analysis of the consequences of the general data protection regulation on social network research: In: ACM Transactions on Social Computing 2, 3, Article 12.
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Wilson, Helen F. & Jonathan Darling (2021): Research Ethics for Human Geography. A Handbook for Students. London: Sage.
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Barnett, Clive (2011): Geography and Ethics: Placing Life in the Space of Reasons. In: Progress in Human Geography 36, 3, 379–388, https://doi.org/10.1177%2F0309132510397463.
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Smith, David M (1997): Geography and Ethics: A Moral Turn? In: Progress in Human Geography 21, 4 , 583–590, 10.1191/030913297673492951.
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Smith, David M. (2000): Moral Geographies: Ethics in a World of Difference. Edinburgh: Edinburgh University Press.
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Pain, R. (2020): Geotrauma: Violence, place and repossession. In: Progress in Human Geography 45, 5, 972-989, https://doi.org/10.1177/0309132520943676.
Positionalität / Insider-Outsider-Analyse / Dekolonialisierung / Feministische Zugänge
In der qualitativen Geographie wird Wissen nicht als neutral betrachtet, sondern als situiert und in Machtverhältnisse eingebettet. Positionalität beschreibt die gesellschaftliche und räumliche Positionierung von Forschenden im Forschungsprozess und die damit verbundenen Perspektiven, Möglichkeiten und Einschränkungen der Wissensproduktion. Die Insider–Outsider-Debatte thematisiert, in welchem Verhältnis Forschende zu den untersuchten sozialen und räumlichen Kontexten stehen. Dekolonialisierung in der Forschung fordert, koloniale Wissensordnungen, Machtverhältnisse und Repräsentationsweisen kritisch zu hinterfragen und alternative Formen der Wissensproduktion zu entwickeln. Die Unterscheidung zwischen Insider und Outsider wird in der Geographie zunehmend nicht mehr als feste Kategorie verstanden, sondern als relationale und situative Position, die sich je nach Kontext verändern kann. Forschende können in bestimmten Situationen Insider sein und in anderen Outsider. Diese Positionierungen beeinflussen Forschungsbeziehungen, Vertrauen, Erwartungen und Machtverhältnisse im Forschungsprozess. Dekoloniale Ansätze kritisieren, dass geographisches Wissen historisch eng mit Kolonialismus, Kartographie und territorialer Kontrolle verbunden war. Dekolonialisierung in der Forschung bedeutet daher, Wissensproduktion zu hinterfragen, lokale und marginalisierte Wissensformen ernst zu nehmen, partizipative Methoden zu nutzen und Forschung nicht über, sondern mit Menschen zu betreiben. Methodisch führt dies häufig zu kollaborativen, partizipativen und reflexiven Forschungsdesigns sowie zu alternativen Darstellungsformen wie Story Maps, Comics, partizipativer Kartierung oder visuellen Methoden.
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Rose, G. (1997): Situating knowledges: positionality, reflexivities and other tactics. Progress in Human Geography, 21(3), 305–320. https://doi.org/10.1191/030913297673302122
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Kobayashi, A. (1994): Coloring the field: Gender, “race”, and the politics of fieldwork. The Professional Geographer, 46(1), 73–80. https://doi.org/10.1111/j.0033-0124.1994.00073.x
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Nagar, R., & Geiger, S. (2007). Reflexivity and positionality in feminist fieldwork revisited. In A. Tickell, E. Sheppard, J. Peck, T. Barnes (Eds.) Reflexivity and positionality in feminist fieldwork revisited (pp. 267-278). SAGE Publications Ltd, https://doi.org/10.4135/9781446212240.n23
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Smith, L.T. (2012): Decolonizing Methodologies: Research and Indigenous Peoples. 2nd ed. London: Zed Books.
Participatory Action Research
Participatory Action Research wird in der Geographie häufig eingesetzt, wenn Forschung mit konkreten räumlichen Problemlagen verbunden ist, etwa in Stadtteilen, ländlichen Regionen, Umweltkonflikten oder Kontexten sozialräumlicher Ungleichheit. Ziel ist es, lokales Wissen über Räume sichtbar zu machen, gemeinsam Probleme zu analysieren und Handlungsstrategien zu entwickeln. Forschung ist in diesem Ansatz immer auch eine Intervention in sozialräumliche Verhältnisse. Der Forschungsprozess verläuft meist zyklisch und umfasst Phasen gemeinsamer Problemanalyse, Datenerhebung, Auswertung, Reflexion und Handlung. Methoden können sehr unterschiedlich sein, etwa Interviews, Mapping, Fotografie, Video, Storytelling oder Workshops. Entscheidend ist nicht eine bestimmte Methode, sondern die Zusammenarbeit zwischen Forschenden und Teilnehmenden sowie das Ziel, Wissen zu produzieren, das für die Beteiligten relevant ist und Veränderungen anstoßen kann. Participatory Action Research ist in der Geographie eng mit kritischer, feministischer und dekolonialer Forschung verbunden, da der Ansatz versucht, Machtverhältnisse in der Wissensproduktion zu verändern und lokales sowie marginalisiertes Wissen ernst zu nehmen. Gleichzeitig ist PAR mit Herausforderungen verbunden, etwa unterschiedlichen Erwartungen, Zeitaufwand, institutionellen Rahmenbedingungen oder der Frage, wie partizipativ ein Projekt tatsächlich sein kann.
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Kindon, S., Pain, R. and Kesby, M. (2007): Participatory Action Research Approaches and Methods: Connecting People, Participation and Place. London: Routledge.
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Pain, R., Kindon, S. and Kesby, M. (2007): Participatory action research: making a difference to theory, practice and action. London: Routledge.
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Elwood, S. (2006). Negotiating Knowledge Production: The Everyday Inclusions, Exclusions, and Contradictions of Participatory GIS Research. The Professional Geographer, 58(2), 197–208. https://doi.org/10.1111/j.1467-9272.2006.00526.x
Feminist Research Methodologies
Feministische Forschungsmethoden sind keine einzelnen Methoden im engeren Sinn, sondern ein wissenschaftstheoretischer und methodologischer Zugang zu Forschung. Sie entstehen aus der Kritik daran, dass Wissenschaft lange Zeit vor allem von männlichen, weißen, westlichen und sozial privilegierten Personen geprägt wurde und deren Perspektiven häufig als neutral, objektiv und allgemein gültig dargestellt wurden, obwohl sie in Wirklichkeit eine spezifische gesellschaftliche Position widerspiegeln. Feministische Forschung setzt genau hier an und fragt, wessen Wissen produziert wird, wessen Erfahrungen sichtbar werden, wer forscht, über wen geforscht wird und welche Machtverhältnisse im Forschungsprozess eine Rolle spielen. Eine zentrale Grundlage feministischer Forschungsmethoden ist die Standpunkttheorie, die unter anderem mit der Wissenschaftstheoretikerin Sandra Harding verbunden ist. Diese Theorie geht davon aus, dass Wissen immer situiert ist, also von der gesellschaftlichen Position einer Person geprägt wird. Menschen, die marginalisierte Positionen in der Gesellschaft einnehmen, können bestimmte Machtverhältnisse oft klarer erkennen, weil sie deren Auswirkungen unmittelbar erfahren. Feministische Forschung interessiert sich deshalb besonders für die Perspektiven von Frauen und anderen marginalisierten Gruppen und versteht diese nicht als verzerrt, sondern als erkenntnisreich. Eng damit verbunden ist das Konzept des situierten Wissens, das stark von Donna Haraway geprägt wurde. Situiertes Wissen bedeutet, dass es keine Sicht von nirgendwo gibt, also keine vollständig objektive Perspektive, die unabhängig von Körper, Erfahrung, Geschichte und gesellschaftlicher Position existiert. Statt Objektivität als Neutralität zu verstehen, schlagen feministische Wissenschaftlerinnen vor, Objektivität als reflektierte Situiertheit zu begreifen. Gute Forschung zeichnet sich dann nicht dadurch aus, dass sie vorgibt neutral zu sein, sondern dadurch, dass sie ihre eigene Position, ihre Perspektive und ihre Machtverhältnisse reflektiert.
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Harding, S. (1986) The Science Question in Feminism. Ithaca: Cornell University Press.
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Harding, S. (1987) Feminism and Methodology. Bloomington: Indiana University Press.
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Harding, S. (1991) Whose Science? Whose Knowledge? Thinking from Women’s Lives. Ithaca: Cornell University Press.
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Haraway, D. (1988) Situated knowledges: The science question in feminism and the privilege of partial perspective. Feminist Studies, 14(3), pp. 575–599.
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hooks, b. (1984) Feminist Theory: From Margin to Center. Boston: South End Press.
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Schurr, C., Müller, M., & Imhof, N. (2020). Who Makes Geographical Knowledge? The Gender of Geography’s Gatekeepers. The Professional Geographer, 72(3), 317–331. https://doi.org/10.1080/00330124.2020.1744169
Datenschutz
Das Forschungsdatenzentrum Qualiservice veranstaltet zusammen mit dem Institut für IT-, Medien- und Immaterialgüterrecht Workshops zu Rechtsfragen von Daten in Forschung, Archivierung und Sekundärnutzung. Einen Vortrag dazu ist unter folgendem Link für alle Interessierten online und kostenfrei zugänglich. Ein Video zum Thema Anonymisierung von Forschungsdaten finden Sie unter folgendem Link.
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DATENSCHUTZ UND FORSCHUNGSETHIK IN QUALITATIVER FORSCHUNG. Eine Einführung ins Thema, Tipps für Studierende und Forschende
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Verboten ist, was nicht ausdrücklich erlaubt ist: Datenschutz in qualitativen Interviews
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Werner, Cosima, Frank Meyer & Susann Bischof (2023): Grundlagen, Strategien und Techniken der Anonymisierung von Transkripten in der qualitativen Forschung: eine praxisorientierte Einführung. In: FQS 24, 3.
Post-Qualitative Forschung
Sind Methoden und Methodendesigns überholt? Braucht es andere Zugänge zur sozialräumlichen Welt? Diesen Fragen stellen sich die folgenden Publikationen auch im Hinblick auf die Zukünfte (Keller 2014) der qualitativen Sozialforschung.
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Keller, R. (2014): Zukünfte der qualitativen Sozialforschung. In: Forum Qualitative Sozialforschung 15, 16, o.S.
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Adams St. Pierre, E. (2020): Why Post Qualitative Inquiry? In: Qualitative Inquiry 27, 2, 163-166.
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Lather, P. & E. Adams St. Pierre (2013): Post-qualitative research. In: International Journal of Qualitative Studies in Education 26, 6, 629-633.