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Grounded Theory

Grounded Theory ist ein qualitativer Forschungsansatz, dessen Ziel es ist, aus empirischem Material heraus theoretische Konzepte und Zusammenhänge zu entwickeln. Theorie wird dabei nicht vor der Datenerhebung festgelegt, sondern schrittweise aus der Analyse von Daten wie Interviews, Beobachtungen, Dokumenten oder visuellen Materialien entwickelt. In der qualitativen Geographie wird Grounded Theory genutzt, um sozialräumliche Prozesse, Praktiken und Bedeutungen theoriegeleitet aus empirischen Daten heraus zu rekonstruieren. 

Grounded Theory ist weniger eine einzelne Methode als eine Forschungsstrategie, die Datenerhebung, Auswertung und Theoriebildung eng miteinander verbindet. Charakteristisch ist das zirkuläre Vorgehen: Datenerhebung und Analyse wechseln sich ab, und auf Basis erster Auswertungen wird entschieden, welche weiteren Fälle, Orte oder Personen untersucht werden. Dieses Vorgehen wird als theoretisches Sampling bezeichnet. Zentral ist die systematische Entwicklung von Kategorien, mit denen sozialräumliche Phänomene beschrieben und erklärt werden können, etwa Formen von Raumaneignung, Mobilitätspraktiken, Grenzziehungen, Zugehörigkeiten oder Konflikten um Raum. Durch den ständigen Vergleich von Fällen, Orten oder Situationen werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet, bis theoretische Sättigung erreicht ist. Grounded Theory wird in der Geographie häufig genutzt, wenn neue oder wenig erforschte sozialräumliche Phänomene untersucht werden oder wenn das Ziel ist, aus empirischen Daten heraus Konzepte zu entwickeln, statt bestehende Theorien nur zu überprüfen. Der Ansatz ist daher besonders geeignet für explorative und theoriegenerierende sozialräumliche Forschung. Wichtige Elemente sind offenes Kodieren, axiales Kodieren und selektives Kodieren, das Schreiben von Memos, das theoretische Sampling, der ständige Vergleich von Daten sowie die Entwicklung von Kategorien und Konzepten. Datenerhebung, Auswertung und Theoriebildung sind dabei eng miteinander verbunden.

  • Geiselhart, K., Park, M., Schlatter, F., & Orlowski, B. (2012). The Grounded Theory in geography: A possible way towards empiricism and theory construction after the Cultural Turn. Berichte zur deutschen Landeskunde, 86(1), 83–95. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-67511-2

  • Bading, C. & Bosch, C. (2018): Denken und empirisch arbeiten mit der Grounded Theory.
    In: Wintzer, J. (Hrsg.): Sozialraum erforschen: Qualitative Methoden in der Geographie. Berlin: Springer, 69-87.

MULTIMETHODENVERFAHREN

Gesellschaftliche und räumliche Verhältnisse sind komplex und durch vielfältige Verflechtungen zwischen Orten, Maßstabsebenen und Akteur*innen geprägt. Spätestens seit den 1980er-Jahren wird in der Geographie verstärkt diskutiert, dass sozialräumliche Prozesse nicht isoliert betrachtet werden können, sondern in überregionale und globale Zusammenhänge eingebettet sind. Damit verändern sich auch die Anforderungen an sozialräumliche Forschung. Um die Vielschichtigkeit von Raum, Alltagspraxen, Wahrnehmungen, Materialitäten und Machtverhältnissen erfassen zu können, hat sich in der qualitativen Geographie ein breites Spektrum an Methoden entwickelt, das häufig in Form von Multimethoden- oder Mixed-Methods-Designs kombiniert wird. Die Kombination verschiedener Methoden ist dabei nicht nur eine Reaktion auf gesellschaftliche Komplexität, sondern auch auf die unterschiedlichen Dimensionen von Raum, die sich mit einzelnen Methoden jeweils nur teilweise erfassen lassen.

Situationsanalyse

Die Situationsanalyse ist ein qualitativer Forschungsansatz, der auf der Grounded Theory basiert und von Adele Clarke entwickelt wurde. Ziel ist es, komplexe soziale Situationen zu analysieren, indem alle relevanten menschlichen, nicht-menschlichen, diskursiven, materiellen und räumlichen Elemente einer Situation berücksichtigt werden. In der qualitativen Geographie wird die Situationsanalyse genutzt, um sozialräumliche Situationen in ihrer Komplexität zu erfassen, etwa Konflikte um Raum, Planungsprozesse, Umweltprobleme oder urbane Transformationsprozesse. Die Situationsanalyse erweitert die Grounded Theory, indem sie stärker poststrukturalistische, diskurstheoretische und machttheoretische Perspektiven integriert. Nicht nur soziale Akteur*innen, sondern auch Dinge, Infrastrukturen, Diskurse, Institutionen, Gesetze, Technologien oder natürliche Elemente werden als Teil einer Situation verstanden. Dadurch eignet sich der Ansatz besonders gut für die Geographie, da hier häufig Beziehungen zwischen Menschen, Materialitäten, Umwelten und Diskursen untersucht werden. Zentral in der Situationsanalyse ist die Arbeit mit verschiedenen Kartierungsformen, insbesondere Situationsmaps, Sozialwelten- und Arenenmaps sowie Positionsmaps. Mit diesen Karten werden Akteur*innen, Institutionen, Diskurse, Machtverhältnisse und Konfliktlinien sichtbar gemacht. Kartieren ist hier also kein Abbilden von Raum, sondern ein analytisches Werkzeug, um komplexe sozialräumliche Situationen zu strukturieren.

  • Clarke, A. E. (2005): Situational Analysis: Grounded Theory After the Postmodern Turn. Thousand Oaks: Sage.

  • Clarke, A. E., Friese, C. & Washburn, R. (2018): Situational Analysis: Grounded Theory After the Interpretive Turn. 2nd ed. Thousand Oaks: Sage.

Qualitative und Visuelle Netzwerkanalyse

Qualitative und visuelle Netzwerkanalyse bezeichnet qualitative Methoden, mit denen soziale und sozialräumliche Beziehungen zwischen Akteur*innen, Orten, Institutionen oder Dingen erhoben, analysiert und häufig in Form von Netzwerkkarten visualisiert werden. Im Unterschied zur quantitativen Netzwerkanalyse steht nicht die Messung von Netzwerkstrukturen im Vordergrund, sondern das Verständnis von Beziehungen, Bedeutungen und räumlichen Verflechtungen. In der qualitativen Geographie wird Netzwerkanalyse genutzt, um zu untersuchen, wie Akteurinnen, Institutionen, Orte und Ressourcen miteinander verbunden sind und wie diese Beziehungen räumliche Prozesse strukturieren. Netzwerke können sich beispielsweise auf Migrationsnetzwerke, Nachbarschaftsnetzwerke, Versorgungsnetzwerke, politische Netzwerke, Aktivismus, Wissensnetzwerke oder ökonomische Netzwerke beziehen. Dabei wird sichtbar, dass sozialräumliche Prozesse nicht nur an einzelnen Orten stattfinden, sondern durch Beziehungen zwischen Orten und Akteurinnen geprägt sind. Qualitative Netzwerkanalyse basiert häufig auf Interviews, Dokumenten, Beobachtungen oder Mapping-Verfahren, in denen Beziehungen zwischen Akteurinnen oder Orten erhoben werden. Visuelle Netzwerkanalyse bedeutet, dass diese Beziehungen grafisch dargestellt werden, etwa in Form von Netzwerkkarten oder Beziehungsdiagrammen. Diese Visualisierungen sind nicht nur Darstellungen, sondern auch Analyseinstrumente, mit denen zentrale Akteurinnen, Machtverhältnisse, Konfliktlinien oder räumliche Verflechtungen sichtbar gemacht werden können. Qualitative Netzwerkanalyse wird in der Geographie häufig mit Situationsanalyse, Governance-Forschung, politischer Geographie, Wirtschaftsgeographie oder Migrationsforschung kombiniert. Sie eignet sich besonders, um relationale Raumkonzepte empirisch zu untersuchen, da Raum hier über Beziehungen und Verbindungen verstanden wird.

  • Glückler, J., Doreian, P. and Ward, K. (eds.) (2020): The Social Network Analysis Handbook. Oxford: Oxford University Press.

  • Jones, M. (2009): Phase space: Geography, relational thinking, and beyond. Progress in Human Geography, 33(4), 487–506. https://doi.org/10.1177/0309132508101599

Analyse von Podcasts, Talkshows und Podiumsdiskussionen

Die Analyse von Podcasts, Talkshows und Podiumsdiskussionen ist eine qualitative Methode, bei der öffentlich geführte Gespräche als Datenmaterial untersucht werden, um sozialräumliche Deutungen, Diskurse, Wissensordnungen und gesellschaftliche Positionen zu rekonstruieren. Es handelt sich um eine Form der Dokumenten- und Diskursanalyse, bei der gesprochene und medial verbreitete Inhalte analysiert werden. Podcasts, Talkshows und Podiumsdiskussionen sind Orte öffentlicher Wissensproduktion. In ihnen wird verhandelt, wie über Stadt, Migration, Klima, Bevölkerung, Entwicklung, ländliche Räume oder Umwelt gesprochen wird, welche Probleme benannt werden, welche Lösungen vorgeschlagen werden und welche Akteur*innen als legitim gelten. Die Analyse solcher Formate erlaubt es zu untersuchen, wie sozialräumliche Themen öffentlich diskutiert werden und welche Raumvorstellungen, Problemdiagnosen und politischen Narrative dabei entstehen. Methodisch können solche Formate wie Interviews, Gruppendiskussionen oder Dokumente behandelt werden, allerdings mit dem Unterschied, dass es sich um öffentliche, medial produzierte Gespräche handelt. Analysiert werden können beispielsweise Argumentationsmuster, Metaphern, Raumkonstruktionen, Problemdefinitionen, Sprecherpositionen oder Machtverhältnisse in Diskussionen. Besonders geeignet sind dafür Diskursanalyse, qualitative Inhaltsanalyse, Situationsanalyse oder Argumentationsanalyse. Podcasts und Talkshows sind zugleich Medienformate, das heißt, sie sind geschnitten, moderiert und für ein Publikum produziert. Deshalb wird nicht nur analysiert, was gesagt wird, sondern auch, wer spricht, wer nicht spricht, wie Themen gerahmt werden, welche Narrative entstehen und welche Perspektiven dominant sind. Für die sozialräumliche Forschung ist dies besonders relevant, weil öffentliche Debatten großen Einfluss darauf haben, wie Räume politisch bewertet, geplant und reguliert werden. Für die Analyse eignen sich insbesondere qualitative Inhaltsanalyse, Diskursanalyse, wissenssoziologische Diskursanalyse, Situationsanalyse oder Argumentationsanalyse. Häufig werden Audio- oder Videoaufnahmen transkribiert und anschließend systematisch ausgewertet.

Dokumentenanalyse

Dokumentenanalyse ist eine qualitative Methode, bei der schriftliche, visuelle oder audiovisuelle Dokumente systematisch ausgewertet werden, um sozialräumliche Deutungen, Wissensordnungen, Planungslogiken oder politische Programme zu rekonstruieren. Dokumente können beispielsweise Planungsunterlagen, politische Strategien, Gesetze, Zeitungsartikel, Webseiten, Social-Media-Beiträge, Karten, Broschüren oder Protokolle sein. Dokumente werden dabei nicht als neutrale Informationsquellen verstanden, sondern als Ausdruck sozialer und politischer Prozesse, in denen Räume beschrieben, geordnet, bewertet und reguliert werden. Dokumentenanalyse untersucht daher, wie Räume dargestellt werden, welche Probleme benannt werden, welche Lösungen vorgeschlagen werden und welche Akteur*innen dabei eine Rolle spielen. Besonders in der Stadtgeographie, der politischen Geographie, der Umweltgeographie oder der Entwicklungsgeographie ist Dokumentenanalyse eine wichtige Methode, um Planungsprozesse, Diskurse, Raumkategorien oder Leitbilder zu untersuchen. Die Analyse kann unterschiedliche Schwerpunkte haben, etwa die Analyse von Inhalten, Argumentationen, Begriffen, Bildern, Karten oder Klassifikationen. Häufig wird Dokumentenanalyse mit Diskursanalyse, qualitativer Inhaltsanalyse oder Situationsanalyse kombiniert. Wichtig ist zudem, Dokumente in ihrem Entstehungskontext zu betrachten, also zu fragen, wer das Dokument erstellt hat, für wen es gedacht ist, in welchem politischen oder institutionellen Kontext es entstanden ist und welche Wirkungen es haben soll.

  • Bowen, G.A. (2009): Document analysis as a qualitative research method. Qualitative Research Journal, 9(2), 27–40. https://doi.org/10.3316/QRJ0902027

  • Wintzer, J. (2024). Die Stadt in Dokumenten. In B. Belina, M. Naumann, & A. Strüver (Eds.), Handbuch Kritische Stadtforschung. BORIS Portal.

Assemblage Analysis

Assemblage Analysis ist ein qualitativer Analyseansatz, mit dem sozialräumliche Phänomene als Gefüge heterogener Elemente untersucht werden. Eine Assemblage besteht aus unterschiedlichen, miteinander verknüpften Elementen wie Menschen, Dingen, Infrastrukturen, Diskursen, Institutionen, Technologien oder natürlichen Umwelten, die gemeinsam eine bestimmte räumliche Situation oder Ordnung hervorbringen. Der Ansatz geht davon aus, dass Räume nicht durch einzelne Ursachen oder Strukturen erklärbar sind, sondern durch das Zusammenwirken vieler verschiedener Elemente. Städte, Grenzen, Infrastrukturen, Umweltkonflikte oder Nachbarschaften werden daher als Gefüge verstanden, die sich aus materiellen, sozialen, politischen, ökonomischen und diskursiven Komponenten zusammensetzen. Assemblage Analysis untersucht, wie diese Elemente miteinander verbunden sind, wie stabil oder instabil diese Verbindungen sind und wie sich räumliche Ordnungen dadurch verändern. Methodisch bedeutet Assemblage Analysis meist, unterschiedliche Datenquellen miteinander zu kombinieren, etwa Interviews, Beobachtungen, Dokumente, Karten oder visuelle Materialien, um zu rekonstruieren, welche Akteur*innen, Dinge, Diskurse und Infrastrukturen an einer bestimmten räumlichen Situation beteiligt sind. Häufig werden dabei auch Karten, Netzwerke oder Situationsmaps erstellt, um Beziehungen zwischen Elementen sichtbar zu machen. Der Ansatz wird in der Geographie häufig genutzt, um komplexe sozialräumliche Phänomene wie Stadtentwicklung, Grenzregime, Umweltgovernance, Infrastruktur oder Mobilitätsregime zu untersuchen. Assemblage Analysis ist stark von relationalen Raumkonzepten geprägt und steht theoretisch in Verbindung mit Akteur-Netzwerk-Theorie, non-representational theory und poststrukturalistischen Ansätzen. Der Ansatz wird häufig in der Stadtgeographie, politischen Geographie, Umweltgeographie oder Migrationsforschung verwendet.

  • Anderson, B. and McFarlane, C. (2011): Assemblage and geography. Area, 43(2), 124–127. https://doi.org/10.1111/j.1475-4762.2011.01004.x

  • McFarlane, C. (2011): Assemblage and critical urbanism. City, 15(2), 204–224. https://doi.org/10.1080/13604813.2011.568715

  • Müller, M. (2015): Assemblages and actor-networks: Rethinking socio-material power, politics and space. Geography Compass, 9(1), 27–41. https://doi.org/10.1111/gec3.12192

  • Dittmer, J. (2014): Geopolitical assemblages and complexity. Progress in Human Geography, 38(3), 385–401. https://doi.org/10.1177/0309132513501405

Habitusanalyse

Habitusanalyse ist ein qualitativer Analyseansatz, der auf der Praxistheorie von Pierre Bourdieu basiert und darauf abzielt, alltägliche Praktiken, Wahrnehmungen, Bewertungen und Raumaneignungen als Ausdruck sozial erlernter Dispositionen zu rekonstruieren. Der Habitus beschreibt dabei verinnerlichte Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata, die das Handeln von Menschen strukturieren, ohne dass diese sich dessen ständig bewusst sind. In der Geographie wird Habitusanalyse genutzt, um zu untersuchen, wie soziale Ungleichheiten räumlich wirksam werden und wie unterschiedliche soziale Gruppen Räume unterschiedlich wahrnehmen, nutzen und bewerten. Wohnstandorte, Mobilitätsverhalten, Freizeitorte, Bildungswege oder Umweltverhalten können beispielsweise als Ausdruck unterschiedlicher Habitusformen verstanden werden. Räume werden dabei nicht nur als äußere Strukturen verstanden, sondern als soziale Räume, in denen sich soziale Positionen, Lebensstile und Machtverhältnisse ausdrücken. Habitusanalyse fragt danach, welche Selbstverständlichkeiten, Geschmäcker, Routinen und Wahrnehmungen das Handeln von Menschen im Raum prägen. Methodisch erfolgt die Analyse häufig auf Basis von qualitativen Interviews, Beobachtungen, Fotografien oder Dokumenten, in denen sich Orientierungen, Bewertungen und Praktiken rekonstruieren lassen. Ziel ist es, nicht nur zu beschreiben, was Menschen tun, sondern die dahinterliegenden sozialen Logiken zu verstehen. Habitusanalyse wird in der Geographie häufig in der Sozialgeographie, Stadtgeographie, Bildungsgeographie oder Konsumgeographie eingesetzt, insbesondere in der Forschung zu sozialräumlicher Ungleichheit, Gentrifizierung, Lebensstilen, Mobilität oder Bildungskarrieren. Typisch ist die rekonstruktive Auswertung von Interviews oder Beobachtungen mit dem Ziel, implizite Orientierungen, Selbstverständlichkeiten und Wahrnehmungsmuster herauszuarbeiten. Häufig wird Habitusanalyse mit rekonstruktiven Methoden, dokumentarischer Methode, Milieuanalyse oder ethnographischen Ansätzen kombiniert.

  • Bourdieu, P. (1984): Distinction: A Social Critique of the Judgement of Taste. Cambridge, MA: Harvard University Press.

  • Dirksmeier, P. (2009): Urbanität als Habitus: Zur Sozialgeographie städtischen Lebens auf dem Land. Bielefeld: transcript.

Reallabor

Ein Reallabor ist ein Forschungsansatz, bei dem Wissenschaft und Praxis gemeinsam in realen sozialräumlichen Kontexten an konkreten Problemen arbeiten, Lösungen erproben und dabei wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen. Forschung findet dabei nicht außerhalb der gesellschaftlichen Realität statt, sondern als Intervention in reale räumliche Situationen, etwa in Stadtquartieren, Regionen oder Landschaften. Reallabore sind in der Geographie vor allem in der Stadt-, Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung verbreitet. Ausgangspunkt ist meist ein konkretes sozialräumliches Problem, etwa Klimaanpassung, Mobilität, Energie, Wohnen, öffentliche Räume oder regionale Entwicklung. Forschende arbeiten dabei mit Kommunen, Initiativen, Unternehmen oder Bewohner*innen zusammen, um Maßnahmen zu entwickeln, umzusetzen und zu evaluieren. Forschung wird so Teil von Transformationsprozessen im Raum. Reallabore verbinden Forschung und Praxis und sind transdisziplinär angelegt. Das bedeutet, dass nicht nur Wissenschaftlerinnen, sondern auch Akteurinnen aus Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft oder Wirtschaft am Forschungsprozess beteiligt sind. Methodisch kommen meist verschiedene qualitative und quantitative Methoden zum Einsatz, etwa Workshops, Interviews, Kartierungen, Beobachtungen, Experimente im Stadtraum oder partizipative Methoden. Reallabore sind daher keine einzelne Methode, sondern ein Forschungssetting oder Forschungsansatz, in dem verschiedene Methoden kombiniert werden. Zentral ist die Idee, dass Wissen nicht nur über Räume produziert wird, sondern gemeinsam mit Akteur*innen im Raum und mit dem Ziel, räumliche Veränderungen anzustoßen. Reallabore sind daher eng mit transdisziplinärer Forschung, partizipativer Forschung und Transformationsforschung verbunden.

  • Schäpke, N., Stelzer, F., Bergmann, M. and Lang, D.J. (2018): Jointly experimenting for transformation? Shaping real-world laboratories by comparing them. GAIA, 27(1), 85–96. https://doi.org/10.14512/gaia.27.S1.16

  • Beecroft, R., Trenks, H., Rhodius, R., Benighaus, C., Parodi, O. (2018). Reallabore als Rahmen transformativer und transdisziplinärer Forschung: Ziele und Designprinzipien. In: Defila, R., Di Giulio, A. (eds) Transdisziplinär und transformativ forschen. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-21530-9_4

Case Studies / Fallstudien

Fallstudien sind ein Forschungsdesign, bei dem ein oder mehrere Fälle detailliert und in ihrem Kontext untersucht werden. Ein Fall kann in der Geographie beispielsweise ein Stadtquartier, ein Dorf, eine Region, ein Infrastrukturprojekt, eine Initiative, ein Konflikt, eine Organisation oder auch ein bestimmter Ort sein. Ziel ist es, sozialräumliche Prozesse in ihrer Komplexität und Kontextgebundenheit zu verstehen. Fallstudien spielen in der Geographie eine zentrale Rolle, weil viele sozialräumliche Prozesse ortsgebunden sind und nur im jeweiligen Kontext verstanden werden können. Eine Fallstudie ermöglicht es, die Wechselwirkungen zwischen sozialen Praktiken, räumlichen Strukturen, materiellen Bedingungen, politischen Entscheidungen und historischen Entwicklungen detailliert zu analysieren. Dabei werden meist verschiedene Methoden kombiniert, etwa Interviews, Beobachtungen, Dokumentenanalyse, Kartierungen oder visuelle Methoden. Fallstudien zielen nicht auf statistische Repräsentativität, sondern auf analytisches oder theoretisches Verallgemeinern. Das bedeutet, dass nicht der Fall als Einzelfall im Mittelpunkt steht, sondern die sozialräumlichen Prozesse, die am Fall untersucht werden und auch in anderen Kontexten relevant sein können. In der qualitativen Geographie werden häufig Einzelfallstudien, vergleichende Fallstudien oder multiple Fallstudien durchgeführt, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Orten oder Situationen zu analysieren. Fallstudien sind kein Erhebungsverfahren, sondern ein Forschungsdesign, in dem unterschiedliche Methoden kombiniert werden. Der Fall bildet dabei den räumlichen, sozialen und zeitlichen Rahmen der Untersuchung.

  • Flyvbjerg, B. (2006): Five misunderstandings about case-study research. Qualitative Inquiry, 12(2), 219–245. https://doi.org/10.1177/1077800405284363

  • Clifford, N., Cope, M., Gillespie, T. and French, S. (eds.) (2016): Key Methods in Geography. London: Sage.

Multisited Methods

Multisited Methods bezeichnen qualitative Forschungsansätze, bei denen Forschung nicht an einem einzelnen Ort stattfindet, sondern über mehrere Orte hinweg geführt wird, die durch soziale, ökonomische, politische oder kulturelle Beziehungen miteinander verbunden sind. Untersucht werden dabei nicht isolierte Orte, sondern Verflechtungen, Mobilitäten, Netzwerke und Beziehungen zwischen Orten. Multisited Research wurde vor allem entwickelt, um Phänomene zu untersuchen, die sich über mehrere Orte erstrecken, etwa Migration, globale Produktionsnetzwerke, Wissenszirkulation, politische Bewegungen, Entwicklungsprojekte oder Umweltgovernance. Der Forschungsgegenstand ist dabei nicht ein Ort, sondern ein Prozess, eine Beziehung oder ein Netzwerk, das sich über verschiedene Orte hinweg erstreckt. Methodisch bedeutet dies, dass Forschende verschiedenen Personen, Dingen, Diskursen oder Praktiken von einem Ort zum anderen folgen. Man spricht hier häufig von „follow the people“, „follow the thing“, „follow the policy“ oder „follow the story“. Dadurch wird sichtbar, wie sozialräumliche Prozesse über verschiedene Maßstabsebenen hinweg miteinander verbunden sind. Multisited Methods sind eng mit Ethnographie verbunden, insbesondere mit multi-sited ethnography. Datenerhebung kann Interviews, Beobachtungen, Dokumentenanalyse, Mapping oder visuelle Methoden umfassen. Entscheidend ist, dass die Forschung an mehreren, miteinander verbundenen Orten stattfindet und die Beziehungen zwischen diesen Orten analysiert werden. Multisited Research ist kein einzelnes Erhebungsverfahren, sondern ein Forschungsdesign bzw. eine Forschungsstrategie. Es wird besonders in der Migrationsforschung, Entwicklungsgeographie, Wirtschaftsgeographie, politischen Geographie oder Stadtforschung eingesetzt.

  • Marcus, G.E. (1995): Ethnography in/of the world system: The emergence of multi-sited ethnography. Annual Review of Anthropology, 24, 95–117. https://doi.org/10.1146/annurev.an.24.100195.000523

  • Jokela-Pansini M. Multi-sited research methodology: Improving understanding of transnational concepts. Area. 2019;51:516–523. https://doi.org/10.1111/area.12494

  • Hannerz, U. (2003): Being there… and there… and there! Reflections on multi-site ethnography. Ethnography, 4(2), 201–216. https://doi.org/10.1177/14661381030042003

Comparative Analysis / Vergleichsstudien

Vergleichsstudien sind Forschungsdesigns, bei denen zwei oder mehr Fälle systematisch miteinander verglichen werden, um Gemeinsamkeiten, Unterschiede und übergreifende sozialräumliche Prozesse zu analysieren. Fälle können in der Geographie beispielsweise Städte, Stadtteile, Regionen, Länder, Infrastrukturen, Projekte oder soziale Gruppen in unterschiedlichen räumlichen Kontexten sein. Vergleichende Forschung ist in der Geographie besonders wichtig, weil sozialräumliche Prozesse immer kontextabhängig sind, sich aber dennoch Muster, Strukturen oder Mechanismen über verschiedene Orte hinweg zeigen können. Durch Vergleich wird sichtbar, welche Prozesse ortsspezifisch sind und welche mit übergeordneten politischen, ökonomischen oder gesellschaftlichen Strukturen zusammenhängen. Vergleich kann auf unterschiedlichen Maßstabsebenen stattfinden, etwa zwischen Stadtteilen innerhalb einer Stadt, zwischen Städten, zwischen ländlichen Regionen oder zwischen Ländern. Ziel ist nicht nur zu zeigen, dass Orte unterschiedlich sind, sondern zu verstehen, warum sie unterschiedlich sind. Vergleichsstudien ermöglichen es daher, sozialräumliche Prozesse wie Segregation, Gentrifizierung, Migration, Umweltkonflikte oder Governance-Strukturen in unterschiedlichen Kontexten zu analysieren.

  • Robinson, J. (2011): Cities in a world of cities: The comparative gesture. International Journal of Urban and Regional Research, 35(1), 1–23. https://doi.org/10.1111/j.1468-2427.2010.00982.x

  • Nijman, J. (2007): Introduction – Comparative urbanism. Urban Geography, 28(1), 1–6. https://doi.org/10.2747/0272-3638.28.1.1

  • Ward, K. (2010): Towards a relational comparative approach to the study of cities. Progress in Human Geography, 34(4), 471–487. https://doi.org/10.1177/0309132509350239

Sozialraumanalyse

Sozialraumanalyse bezeichnet einen Forschungsansatz, der darauf abzielt, die Wechselwirkungen zwischen sozialen Strukturen, sozialen Praktiken und räumlichen Strukturen zu untersuchen. Im Zentrum steht die Frage, wie soziale Ungleichheiten, Lebensweisen, Institutionen, Infrastrukturen und Alltagspraktiken räumlich organisiert sind und wie Räume umgekehrt soziale Prozesse beeinflussen. Sozialraumanalyse geht davon aus, dass soziale Prozesse immer räumlich organisiert sind und dass Räume nicht nur physische Container sind, sondern durch soziale Praktiken, Machtverhältnisse, Planungen und Wahrnehmungen hergestellt werden. Untersucht werden beispielsweise Wohnverhältnisse, Mobilität, Versorgung, soziale Infrastruktur, Nachbarschaften, Segregation, Nutzung öffentlicher Räume oder Umweltbelastungen. Ziel ist es, sozialräumliche Strukturen, Ungleichheiten und Alltagspraktiken sichtbar zu machen. Methodisch ist Sozialraumanalyse meist multimethodisch angelegt und kombiniert unterschiedliche qualitative und quantitative Methoden, etwa Interviews, Beobachtungen, Kartierungen, statistische Daten, Dokumentenanalyse oder partizipative Methoden. In der angewandten Geographie und in der Stadtforschung wird Sozialraumanalyse häufig genutzt, um Planungsgrundlagen zu erstellen oder soziale Problemlagen in bestimmten Stadtteilen oder Regionen zu analysieren. Sozialraumanalyse ist daher weniger eine einzelne Methode als ein Forschungsansatz oder ein Untersuchungsrahmen, in dem verschiedene Methoden kombiniert werden, um sozialräumliche Strukturen und Prozesse zu analysieren.

  • Kessl, F. and Reutlinger, C. (2010): Sozialraum: Eine Einführung. Wiesbaden: VS Verlag.

  • https://www.sozialraum.de/

Evaluationsanalyse / Potenzialanalyse

Evaluationsanalyse und Potenzialanalyse sind anwendungsorientierte Forschungsansätze, mit denen Programme, Maßnahmen, Projekte oder Räume systematisch bewertet werden. Während Evaluationsanalyse darauf abzielt, bestehende Maßnahmen oder Programme zu beurteilen, zielt Potenzialanalyse darauf ab, Entwicklungsmöglichkeiten, Ressourcen und Handlungsspielräume in einem Raum zu identifizieren. In der Geographie werden Evaluations- und Potenzialanalysen häufig in der Stadt- und Regionalentwicklung, der Umweltplanung, der Sozialraumplanung oder der Regionalpolitik eingesetzt. Untersucht werden beispielsweise Stadtentwicklungsprogramme, Integrationsmaßnahmen, Mobilitätskonzepte, Klimaanpassungsstrategien oder regionale Entwicklungsprojekte. Ziel ist es zu verstehen, wie Maßnahmen in konkreten sozialräumlichen Kontexten wirken und welche unbeabsichtigten Effekte auftreten. Evaluationsanalyse untersucht, ob und wie bestimmte Maßnahmen wirken, welche Akteur*innen beteiligt sind, welche Konflikte entstehen und wie Programme im Alltag umgesetzt werden. Potenzialanalyse richtet den Blick stärker in die Zukunft und fragt, welche Ressourcen, Netzwerke, Infrastrukturen oder sozialen Initiativen in einem Raum vorhanden sind und welche Entwicklungsmöglichkeiten daraus entstehen können. Beide Ansätze sind stark anwendungsorientiert und meist multimethodisch angelegt. Häufig werden Interviews mit lokalen Akteur*innen, Workshops, Kartierungen, Dokumentenanalyse, Beobachtungen oder statistische Daten kombiniert. Evaluations- und Potenzialanalysen sind daher weniger einzelne Methoden als Forschungs- und Analyseformate, die in Planungs- und Entwicklungsprozessen eingesetzt werden. Evaluationsanalyse ist oft rückblickend und bewertend, Potenzialanalyse eher vorausschauend und entwicklungsorientiert. Beide Ansätze sind eng mit angewandter Geographie, Planung, Regionalentwicklung und transdisziplinärer Forschung verbunden.

  • Stockmann, R. (2007): Handbuch zur Evaluation. Münster: Waxmann.

Event Structure Analysis

Event Structure Analysis (ESA) ist ein qualitatives Analyseverfahren zur Untersuchung von Ereignisabläufen und Entscheidungsprozessen. Ziel ist es, komplexe Ereignisse als Abfolge miteinander verbundener Ereignisse zu rekonstruieren und die kausalen und prozessualen Beziehungen zwischen diesen Ereignissen sichtbar zu machen. In der Geographie wird Event Structure Analysis eingesetzt, um Prozesse zu analysieren, die sich über die Zeit entwickeln und räumliche Auswirkungen haben, etwa Stadtentwicklungsprozesse, Infrastrukturprojekte, Umweltkonflikte, politische Entscheidungsprozesse, Migration oder Katastrophen. Der Fokus liegt nicht auf einzelnen Orten oder Akteur*innen, sondern auf dem Verlauf eines Prozesses und den Entscheidungen, die diesen Prozess geprägt haben.

Methodisch werden zunächst wichtige Ereignisse identifiziert, etwa politische Entscheidungen, Planungsbeschlüsse, Proteste, bauliche Maßnahmen oder Umweltveränderungen. Anschließend wird analysiert, in welcher Reihenfolge diese Ereignisse aufeinander folgen, welche Ereignisse andere Ereignisse ermöglicht oder verhindert haben und welche Entscheidungslogiken dahinterstanden. Ziel ist es, den Prozess logisch zu rekonstruieren und zu verstehen, wie bestimmte räumliche Entwicklungen zustande gekommen sind. Event Structure Analysis arbeitet häufig mit Dokumenten, Interviews, Zeitungsartikeln oder Protokollen, aus denen Ereignisse rekonstruiert werden. Die Methode wird oft genutzt, um komplexe Governance-Prozesse oder Konfliktverläufe zu analysieren.

Q Methode / Q Methodology

Die Q-Methode ist ein qualitativ-quantitatives Verfahren zur systematischen Untersuchung subjektiver Sichtweisen, Meinungen und Deutungsmuster. Ziel ist es, unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema zu identifizieren und zu analysieren. In der Geographie wird die Methode häufig eingesetzt, um unterschiedliche sozialräumliche Wahrnehmungen, Bewertungen oder Zukunftsvorstellungen zu untersuchen, etwa zu Landschaften, Stadtentwicklung, Umweltproblemen oder regionaler Entwicklung. Zentrales Element der Q-Methode ist das sogenannte Q-Sorting. Teilnehmende erhalten eine Reihe von Aussagen zu einem Thema, beispielsweise zu einem Stadtentwicklungsprojekt oder zu Landschaftsnutzung, und ordnen diese Aussagen entlang einer Skala an, etwa von „stimme sehr zu“ bis „stimme gar nicht zu“. Dabei müssen die Aussagen in eine vorgegebene Verteilungsform einsortiert werden. Anschließend werden diese Sortierungen statistisch ausgewertet, um unterschiedliche Perspektiven oder Deutungsmuster zu identifizieren. Die Q-Methode verbindet damit qualitative und quantitative Elemente. Die Aussagen werden meist qualitativ entwickelt, etwa auf Basis von Interviews oder Dokumenten, während die Auswertung faktorenanalytisch erfolgt. Ziel ist es nicht, wie häufig eine Meinung vorkommt, sondern welche unterschiedlichen Sichtweisen es gibt und wie diese strukturiert sind. In der Geographie wird die Q-Methode häufig verwendet, um unterschiedliche Wahrnehmungen von Räumen, Landschaften oder Umweltveränderungen zu untersuchen. Beispielsweise können unterschiedliche Sichtweisen von Bewohnerinnen, Planerinnen, Politiker*innen oder Umweltorganisationen auf ein bestimmtes Gebiet analysiert werden. Die Methode eignet sich besonders, um Konflikte, unterschiedliche Raumvorstellungen oder Zukunftsvisionen sichtbar zu machen.

  • Watts, S. and Stenner, P. (2012): Doing Q Methodological Research. London: Sage.

  • Zabala, A. (2014): qmethod: A package to explore human perspectives using Q methodology. The R Journal, 6(2), 163–173.

Qualitative Metaanalyse

Qualitative Metaanalyse bezeichnet ein systematisches Verfahren zur Auswertung und Zusammenführung der Ergebnisse mehrerer qualitativer Studien zu einem bestimmten Thema. Ziel ist es, über einzelne Fallstudien hinausgehende Konzepte, Muster, Typologien oder theoretische Zusammenhänge zu entwickeln. In der Geographie wird qualitative Metaanalyse eingesetzt, um sozialräumliche Prozesse vergleichend über verschiedene Studien und Orte hinweg zu verstehen. Qualitative Forschung in der Geographie ist häufig fallstudienbasiert und kontextbezogen. Qualitative Metaanalyse setzt hier an und versucht, Ergebnisse aus verschiedenen Fallstudien systematisch miteinander zu vergleichen und zu synthetisieren. Dadurch können übergreifende sozialräumliche Muster, wiederkehrende Konfliktlinien, typische Akteurskonstellationen oder räumliche Prozesse identifiziert werden, etwa bei Gentrifizierung, Migration, Umweltkonflikten oder Stadtentwicklungsprozessen. Qualitative Metaanalyse arbeitet nicht mit statistischer Aggregation, sondern mit interpretativer Synthese. Analysiert werden beispielsweise Kategorien, Konzepte, Argumentationsmuster oder Fallinterpretationen aus verschiedenen Studien. Ziel ist es, bestehende qualitative Forschung zu strukturieren, zu vergleichen und theoretisch weiterzuentwickeln. Qualitative Metaanalyse ist damit eine Methode der Sekundäranalyse und der Theoriebildung. Sie eignet sich besonders für Forschungsfelder, in denen bereits viele qualitative Fallstudien vorliegen und eine vergleichende Synthese sinnvoll ist.

  • Nakagawa, S., Yang, Y., Macartney, E.L. et al. (2023): Quantitative evidence synthesis: a practical guide on meta-analysis, meta-regression, and publication bias tests for environmental sciences. Environ Evid 12, 8. https://doi.org/10.1186/s13750-023-00301-6

  • Lin, H., Caley, M.J. and Sisson, S.A. (2022), Estimating global species richness using symbolic data meta-analysis. Ecography, 2022: e05617. https://doi.org/10.1111/ecog.05617

  • Thakur, B., Dubey, P., Benitez, J. et al. (2021): A systematic review and meta-analysis of geographic differences in comorbidities and associated severity and mortality among individuals with COVID-19. Sci Rep 11, 8562. https://doi.org/10.1038/s41598-021-88130-w

(Musik), (Future), (Cooking), (Theater) Workshops

Workshops sind qualitative und häufig partizipative Erhebungs- und Forschungsformate, bei denen Wissen, Erfahrungen, Wahrnehmungen und Zukunftsvorstellungen in einem gemeinsamen, meist moderierten Arbeitsprozess erarbeitet werden. Workshops können dabei als Methode der Datenerhebung, als partizipatives Forschungsformat oder als Intervention im sozialräumlichen Kontext eingesetzt werden. In der qualitativen Geographie werden Workshops genutzt, um sozialräumliches Wissen kollektiv zu erarbeiten. Durch gemeinsames Diskutieren, Zeichnen, Kartieren, Erzählen, Musizieren, Kochen oder Spielen werden Räume nicht nur beschrieben, sondern gemeinsam interpretiert und neu gedacht. Workshops sind daher nicht nur Datenerhebungsmethoden, sondern auch soziale Situationen, in denen kollektive Raumdeutungen entstehen. Je nach Gestaltung können Workshops sehr unterschiedliche Funktionen haben. In Zukunftsworkshops werden beispielsweise Zukunftsvorstellungen für Stadtteile oder Regionen entwickelt. In Mapping-Workshops werden Alltagsräume oder Konfliktorte kartiert. In Theater- oder Musikworkshops werden räumliche Erfahrungen performativ oder künstlerisch bearbeitet. In Kochworkshops können beispielsweise Fragen von Migration, Kultur, Alltag oder Nachbarschaft über Praktiken des Kochens untersucht werden. Workshops ermöglichen damit den Zugang zu Wissen, das in klassischen Interviews nicht immer artikuliert wird, etwa implizites Wissen, kollektive Deutungen oder verkörperte Praktiken. Workshops werden häufig in partizipativer Forschung, Reallaboren, sozialräumlicher Planung oder transdisziplinärer Forschung eingesetzt. Sie verbinden Datenerhebung, Kommunikation und Intervention und sind daher methodisch schwer eindeutig einzuordnen. Sie können Elemente von Gruppendiskussionen, Mapping, visuellen Methoden, performativen Methoden oder Storytelling enthalten. Häufige Formen sind Zukunftswerkstätten, Mapping-Workshops, Szenario-Workshops, Theaterworkshops, Musikworkshops, Kochworkshops oder Planungsworkshops. Die konkrete Methode hängt stark vom Forschungsziel ab.

  • Kindon, S., Pain, R. and Kesby, M. (2007): Participatory Action Research Approaches and Methods: Connecting People, Participation and Place. London: Routledge.

  • Aldridge, Jo (2015): Participatory research: Working with vulnerable groups in research and practice. Loughborough University. Book. https://hdl.handle.net/2134/17939

Triangulation / Mixed Methods

Triangulation bezeichnet die Kombination verschiedener Methoden, Datenquellen, theoretischer Perspektiven oder Forschender, um ein Forschungsproblem aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu untersuchen. Mixed Methods bezeichnet Forschungsdesigns, in denen qualitative und quantitative Methoden systematisch miteinander kombiniert werden. Beide Ansätze zielen darauf ab, sozialräumliche Phänomene umfassender zu verstehen, indem unterschiedliche Formen von Daten und Perspektiven miteinander in Beziehung gesetzt werden. In der Geographie werden sozialräumliche Prozesse als komplex, relational und vielschichtig verstanden. Einzelne Methoden können meist nur bestimmte Dimensionen von Raum erfassen, etwa Wahrnehmungen, Praktiken, materielle Strukturen, Diskurse oder statistische Muster. Durch Triangulation können diese unterschiedlichen Dimensionen miteinander verbunden werden. So können beispielsweise Interviews mit Kartierungen, Beobachtungen mit Dokumentenanalysen oder statistische Daten mit ethnographischen Beobachtungen kombiniert werden.

Triangulation dient dabei nicht nur der Überprüfung von Ergebnissen, sondern auch der Erweiterung von Perspektiven. Unterschiedliche Methoden können unterschiedliche Aspekte eines sozialräumlichen Phänomens sichtbar machen. Mixed Methods wird in der Geographie häufig in der Stadtforschung, Regionalforschung, Umweltforschung oder Entwicklungsforschung eingesetzt, insbesondere wenn sowohl statistische Muster als auch Alltagspraktiken und Wahrnehmungen untersucht werden sollen.

Triangulation kann sich auf verschiedene Ebenen beziehen, etwa Datentriangulation, Methodentriangulation, Theorietriangulation oder Forscher*innentriangulation. Mixed Methods bezeichnet dagegen "nur" die Kombination von qualitativen und quantitativen Methoden in einem gemeinsamen Forschungsdesign.

Phänomenologische Analyse / Lebensweltanalyse

Die phänomenologische Analyse ist ein qualitatives Auswertungsverfahren, das darauf abzielt, subjektive Erfahrungen, Wahrnehmungen und Bedeutungen zu rekonstruieren. Im Zentrum steht die Frage, wie Menschen ihre Lebenswelt und ihre Erfahrungen erleben und beschreiben. In der Geographie wird die phänomenologische Analyse genutzt, um zu untersuchen, wie Räume, Orte, Landschaften oder Mobilität erfahren, wahrgenommen und mit Bedeutung versehen werden.

Sozialräumliche Perspektive und methodologische Bedeutung
Die phänomenologische Forschung geht davon aus, dass Räume nicht nur materielle Strukturen sind, sondern auch erlebt, erinnert, gefühlt und wahrgenommen werden. Für die qualitative Geographie ist dieser Ansatz besonders wichtig, weil er hilft zu verstehen, wie Orte Bedeutung erhalten, wie Menschen sich mit Orten verbunden fühlen, wie sie Räume wahrnehmen oder wie sie sich durch Räume bewegen.

Analysiert werden häufig Interviewaussagen, Tagebücher, Spaziergangsinterviews, visuelle Materialien oder sensorische Daten. Im Mittelpunkt steht die Beschreibung und Interpretation von Erfahrungen, etwa wie sich ein Stadtviertel anfühlt, wie Menschen Landschaft erleben, wie Migration erlebt wird oder wie sich Mobilität im Alltag anfühlt. Ziel ist es, die Struktur von Erfahrungen zu verstehen, also typische Formen des Erlebens von Raum herauszuarbeiten. Die phänomenologische Analyse wird häufig in der Kulturgeographie, der Gesundheitsgeographie, der Mobilitätsforschung, der Landschaftsforschung oder der emotionalen Geographie eingesetzt. Sie ist eng mit Ansätzen wie non-representational theory, emotional geographies oder sensory geographies verbunden.

  • Seamon, D. (2018): Life takes place: Phenomenology, lifeworlds and place making. London: Routl

  • Simonsen, K. (2012): In quest of a new humanism: Embodiment, experience and phenomenology as critical geography. Progress in Human Geography, 37(1), 10–26. https://doi.org/10.1177/0309132512467573edge.

Dispositivanalyse

Dispositivanalyse ist ein qualitatives Analyseverfahren, das ebenso wie die Diskursanalyse auf Michel Foucault zurückgeht und darauf abzielt, das Zusammenspiel von Diskursen, Institutionen, Praktiken, materiellen Strukturen, Gesetzen, Infrastrukturen und Wissensformen zu analysieren. Ein Dispositiv bezeichnet dabei ein Gefüge aus Wissen, Macht, Praktiken und materiellen Elementen, das gesellschaftliche Wirklichkeit strukturiert. In der Geographie wird Dispositivanalyse genutzt, um zu untersuchen, wie sozialräumliche Ordnungen durch das Zusammenwirken von Diskursen, Planung, Institutionen und materiellen Strukturen entstehen. Während die Diskursanalyse vor allem Sprache und Wissen untersucht, geht Dispositivanalyse darüber hinaus und bezieht auch materielle und institutionelle Strukturen mit ein. In der Geographie kann beispielsweise untersucht werden, wie ein Grenzregime, ein Stadtentwicklungsprojekt, ein Naturschutzgebiet oder ein Migrationsregime entsteht. Analysiert werden dabei nicht nur politische Diskurse, sondern auch Gesetze, Verwaltungspraktiken, Karten, Infrastrukturen, Gebäude, Technologien oder Kontrollpraktiken. Dispositivanalyse eignet sich besonders, um Machtverhältnisse im Raum zu untersuchen, da sie zeigt, wie Diskurse, Institutionen und materielle Strukturen zusammenwirken und bestimmte räumliche Ordnungen hervorbringen. Der Ansatz wird häufig in der politischen Geographie, Stadtgeographie, Migrationsforschung oder Umweltforschung eingesetzt.

Methodisch werden meist unterschiedliche Datenquellen kombiniert, etwa Dokumente, Interviews, Beobachtungen, Karten, Bilder oder statistische Daten. Ziel ist es, das Gefüge aus Diskursen, Institutionen, materiellen Strukturen und Praktiken zu rekonstruieren, das eine bestimmte räumliche Ordnung stabilisiert. 

  • Bührmann, A.D. and Schneider, W. (2008): Vom Diskurs zum Dispositiv: Eine Einführung in die Dispositivanalyse. Bielefeld: Transcript.

  • Legg, S. (2005): Foucault’s population geographies: Classifications, biopolitics and governmental spaces. Population, Space and Place, 11(3), 137–156. https://doi.org/10.1002/psp.357

Ethnomethodologische Interaktions- oder Prozessanalyse

Eine ethnomethodologische Interaktions oder Prozessanalyse ist ein qualitatives Verfahren, das untersucht, wie soziale Wirklichkeit in konkreten Situationen Schritt für Schritt hergestellt wird. Ausgangspunkt ist die Ethnomethodologie, die vor allem mit Harold Garfinkel verbunden ist und davon ausgeht, dass soziale Ordnung nicht einfach existiert, sondern im Alltag ständig von Menschen produziert wird. Menschen greifen in Interaktionen auf implizites Wissen, Routinen und praktische Methoden zurück, um Situationen verständlich zu machen, Missverständnisse zu klären, Zustimmung herzustellen oder Entscheidungen zu treffen. Genau diese alltäglichen Herstellungsleistungen sozialer Ordnung stehen im Zentrum der Analyse. Im Unterschied zu vielen anderen qualitativen Methoden interessiert sich eine ethnomethodologische Interaktions- oder Prozessanalyse weniger dafür, was Menschen denken, fühlen oder meinen, sondern dafür, wie sie konkret handeln und wie in diesem Handeln Bedeutung, Wissen und soziale Ordnung entstehen. Analysiert werden deshalb meist aufgezeichnete Interaktionen, zum Beispiel Gespräche, Interviews, Meetings, Unterrichtssituationen, Beratungsgespräche oder auch institutionelle Abläufe. Diese werden sehr detailliert transkribiert, inklusive Pausen, Lachen, Betonungen, Unterbrechungen oder Reparaturen, weil davon ausgegangen wird, dass soziale Ordnung gerade in diesen scheinbar kleinen Details sichtbar wird.

  • Smart, B., K. Peggs & J. Burridge (2013): Observation Methods. London: Sage.

  • Tuma, R. (2018): Video-Interaktionsanalyse. Zur Feinauswertung von videographisch erhobenen Daten. In: Morit, C. & M. Corsten (Hrsg.): Handbuch Qualitative Videoanalyse. Wiesbaden: Springer VS, 423–444, 10.1007/978-3-531-18732-7_6.

  • vom Lehn, D. (2018): Ethnomethodologische Interaktionsanalyse. In: Moritz, C. & M. Corsten (Hrsg.): Handbuch Qualitative Videoanalyse. Wiesbaden: Springer VS, 183–196.

  • Laurier, E. (2008). How Breakfast Happens in the Café. Time & Society, 17, 1, 119–134.

  • Hindmarsh, J., Heath, C. & Luff, P. (2000): Workplace Studies. Cambridge: Cambridge University Press.

Ethnographie / Autoethnographie

Ethnographie ist ein qualitativer Forschungsansatz, bei dem sozialräumliche Lebenswelten, Alltagspraktiken und Bedeutungen durch längere Feldaufenthalte, teilnehmende Beobachtung, Gespräche, visuelle Materialien oder Dokumente untersucht werden. Ziel ist es, soziale Praktiken in ihren räumlichen und alltäglichen Kontexten zu verstehen. Autoethnographie ist eine ethnographische Forschungsform, bei der die Forschenden die eigenen räumlichen Erfahrungen, Positionierungen und Praktiken zum Ausgangspunkt der Analyse machen und diese mit gesellschaftlichen und räumlichen Strukturen in Beziehung setzen. Ethnographie spielt in der Geographie eine zentrale Rolle, weil sie es ermöglicht, Räume als gelebte, alltägliche und relationale Räume zu untersuchen. Durch teilnehmende Beobachtung kann erforscht werden, wie Räume genutzt werden, wie Menschen sich durch Räume bewegen, wie Orte Bedeutung erhalten oder wie räumliche Ordnungen im Alltag hergestellt werden. Ethnographie untersucht damit nicht nur, was Menschen über Räume sagen, sondern was sie im Raum tun. Ethnographische Forschung ist meist langfristig angelegt und umfasst verschiedene Methoden, etwa Beobachtung, informelle Gespräche, Interviews, Mapping, Fotografie oder Tagebücher. Autoethnographie verschiebt den Fokus auf die Rolle der Forschenden und deren eigene Verortung im Raum. Die eigenen Erfahrungen, Mobilitäten, Zugehörigkeiten oder Grenzerfahrungen werden dabei als empirisches Material verstanden. Autoethnographie wird häufig in feministischen, postkolonialen oder kritischen Forschungsansätzen genutzt, weil sie die Idee eines neutralen Beobachters in Frage stellt und die Situiertheit von Wissen sichtbar macht. Ethnographie und Autoethnographie sind keine einzelnen Methoden, sondern Forschungsansätze, die verschiedene Methoden kombinieren und auf Reflexivität, Positionalität und dichte Beschreibung sozialräumlicher Kontexte ausgerichtet sind.

  • Crang, M. & Cook, I. (2007): Doing Ethnographies. London: Sage.

  • Watson, M. & Till, K.E. (2010): Ethnography and participant observation. In: DeLyser, D., Herbert, S., Aitken, S., Crang, M. & McDowell, L. (eds.): The Sage Handbook of Qualitative Geography. London:

  • Küttel, N. M. (2021). Autoethnography and Photo-Essay. In: Kogler, R., & Wintzer, J. (eds) Raum und Bild - Strategien visueller raumbezogener Forschung. Springer Spektrum, Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-61965-0_5 Sage.

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