KARTENGENERIERENDE
ERHEBUNGS-, AUSWERTUNGS- UND DARSTELLUNGSMETHODEN
Mit der Kritik an der eurozentristischen Kartendarstellung Mercators und der Kritik an generalisierenden und stereotypisierenden Abbildungspraktiken aus den 1960er-Jahren, war es vor allem innerhalb der sozial- und kulturwissenschaftlich informierten Geographie lange Zeit ruhig um Karten. Seit einigen Jahren werden Karten als Erhebungs-, Auswertungs- und Darstellungsmethoden neu entdeckt.
Relief Maps
Relief Maps sind dreidimensionale, haptisch erfahrbare Karten, die Räume nicht nur visuell, sondern auch taktil darstellen. In der qualitativen Geographie werden sie als partizipative und visuelle Methode eingesetzt, bei der Teilnehmende räumliche Erfahrungen, Nutzungen, Konflikte oder Zugehörigkeiten direkt auf einem physischen Modell einer Landschaft oder eines Stadtgebiets verorten. Teilnehmende können auf dem Modell Orte markieren, Wege einzeichnen, Gefahrenzonen kennzeichnen, wichtige Ressourcen verorten oder räumliche Konflikte darstellen. Dadurch wird lokal situiertes räumliches Wissen sichtbar, das in textlichen oder standardisierten Methoden oft nicht erfasst wird. Relief Maps eignen sich besonders, um räumliches Wissen, Alltagsmobilitäten, Ressourcennutzung, Umweltwahrnehmungen oder territoriale Zugehörigkeiten zu erfassen. Relief Maps werden oft in Gruppenprozessen genutzt und sind daher nicht nur ein Instrument zur Datenerhebung, sondern auch ein Kommunikations- und Aushandlungsinstrument.
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Rodó-de-Zárate, M. (2014). Developing geographies of intersectionality with Relief Maps: reflections from youth research in Manresa, Catalonia. Gender, Place & Culture, 21(8), 925–944. https://doi.org/10.1080/0966369X.2013.817974
Mental Maps / Sketch Maps / Cognitive Maps
Mental Maps, Sketch Maps und Cognitive Maps bezeichnen Kartierungsmethoden, bei denen Teilnehmende Räume aus ihrer Erinnerung oder Wahrnehmung heraus zeichnen. Die entstehenden Karten zeigen nicht den Raum im kartographisch exakten Sinn, sondern den wahrgenommenen, erinnerten oder genutzten Raum. In der qualitativen Geographie werden solche Karten genutzt, um subjektive Raumvorstellungen, Alltagswege, wichtige Orte, Barrieren oder räumliche Hierarchien sichtbar zu machen. Mental Maps zeigen damit nicht nur individuelles Wissen über Raum, sondern auch sozialräumliche Strukturen, etwa Segregation, Angsträume, Zugehörigkeiten oder räumliche Ungleichheiten. Häufig wird sichtbar, dass bestimmte Orte sehr detailliert dargestellt werden, während andere fehlen oder verzerrt sind. Genau diese Auslassungen und Verzerrungen sind analytisch interessant, weil sie auf Bedeutungen, Erfahrungen und Machtverhältnisse hinweisen.
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Gieseking, J.J. (2013): Where we go from here: The mental sketch mapping method and its analytic components. Qualitative Inquiry, 19(9), 712–724. https://doi.org/10.1177/1077800413500926
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Kitchin, R.M. (1994): Cognitive maps: What are they and why study them? Journal of Environmental Psychology, 14(1), 1–19. https://doi.org/10.1016/S0272-4944(05)80194-X
Body Maps
Body Maps sind visuelle und partizipative Methoden, bei denen Teilnehmende Umrisse ihres Körpers zeichnen und darauf Erfahrungen, Emotionen, Wahrnehmungen, Verletzlichkeiten, Mobilitäten oder Zugehörigkeiten räumlich verorten. In der qualitativen Geographie wird die Methode genutzt, um die Verkörperung von Raum und die Einschreibung sozialräumlicher Erfahrungen in den Körper sichtbar zu machen. Der Körper wird dabei als Ort verstanden, an dem sich räumliche Erfahrungen einschreiben. Die Methode macht sichtbar, dass Raum nicht nur äußerlich erfahren wird, sondern verkörpert ist und mit Emotionen, Erinnerungen und Machtverhältnissen verbunden ist. Beim Body Mapping arbeiten Teilnehmende meist mit Farben, Symbolen, Texten oder Zeichnungen auf einer Körperumrisszeichnung. Häufig wird die Methode mit Interviews oder Gruppengesprächen kombiniert, in denen die Body Maps erklärt werden. Dadurch entstehen visuelle und narrative Daten, die zeigen, wie Körper und Raum miteinander verwoben sind. Body Maps werden in der Geographie vor allem in der feministischen Geographie, der Gesundheitsgeographie, der Migrationsforschung oder der Stadtforschung eingesetzt, insbesondere wenn es um Themen wie Gewalt, Grenzerfahrungen, Krankheit, Arbeit oder Marginalisierung im Raum geht. Die Methode ist stark partizipativ und wird häufig in machtkritischen Forschungsdesigns verwendet.
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Jokela-Pansini M, Greenhough B, Cousins O, Dainow J. When you can't find the words: Using body mapping to communicate patients' experiences of Long Covid. Health Place. 2024 Sep;89:103302. doi: 10.1016/j.healthplace.2024.103302. Epub 2024 Jul 10. PMID: 38991485
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de Jager, A., Tewson, A., Ludlow, B. and Boydell, K. (2016): Embodied ways of storying the self: A systematic review of body-mapping. Forum Qualitative Sozialforschung, 17(2). https://doi.org/10.17169/fqs-17.2.2526
Sound Scapes
Soundscapes bezeichnen die akustische Dimension von Räumen und zugleich eine qualitative Methode, bei der Klanglandschaften aufgenommen, analysiert und interpretiert werden, um sozialräumliche Prozesse über Geräusche, Klänge und Atmosphären zu untersuchen. Im Zentrum steht die Frage, wie Räume klingen und wie diese Klänge mit sozialen Praktiken, Machtverhältnissen und räumlichen Ordnungen zusammenhängen. Geräusche können anzeigen, wer einen Raum nutzt, wer ihn kontrolliert, wer sichtbar oder unsichtbar ist und welche Aktivitäten stattfinden. Lärm, Stille, Naturgeräusche, Verkehr oder Stimmen sind nicht nur Hintergrundgeräusche, sondern Teil sozialräumlicher Ordnungen. Über Klang lassen sich beispielsweise Fragen von Zugehörigkeit, Ausschluss, Nutzungskonflikten, Urbanität, Naturverhältnissen oder Atmosphären untersuchen. Soundscapes werden häufig durch Audioaufnahmen, Soundwalks, Audiotagebücher oder akustische Kartierungen erhoben. Die Analyse kann sich auf Geräuschquellen, Lautstärken, Rhythmen, Bewegungen, Atmosphären oder emotionale Reaktionen beziehen. Die Methode wird besonders in der Stadtgeographie, Kulturgeographie, Umweltgeographie und in der affektorientierten Geographie eingesetzt.
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Gallagher, M. and Prior, J. (2014): Sonic geographies: Exploring phonographic methods. Progress in Human Geography, 38(2), 267–284. https://doi.org/10.1177/0309132513481014
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Paiva D. Sonic geographies: Themes, concepts, and deaf spots. Geography Compass. 2018;12:e12375. https://doi.org/10.1111/gec3.12375
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Duffy, M., Waitt, G., & Harada, T. (2016): Making sense of sound: Visceral sonic mapping as a research tool. Emotion, Space and Society 20, 49-57, https://doi.org/10.1016/j.emospa.2016.06.006.
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Revill, G. (2016): How is space made in sound? Spatial mediation, critical phenomenology and the political agency of sound. Progress in Human Geography 40, 240 - 256. https://doi.org/10.1177/0309132515572271
Smell Scapes
Smellscapes bezeichnen die Geruchsdimension von Räumen und zugleich eine qualitative Methode, mit der Gerüche und olfaktorische Wahrnehmungen systematisch erfasst und analysiert werden, um sozialräumliche Erfahrungen, Atmosphären und räumliche Ordnungen zu untersuchen. Gerüche sind eng mit Erinnerung, Emotion, Zugehörigkeit und Abgrenzung verbunden und spielen eine wichtige Rolle in der Wahrnehmung von Räumen. Smellscape-Methoden untersuchen, wie Räume riechen, welche Gerüche als angenehm oder störend wahrgenommen werden und wie Gerüche mit sozialen Strukturen, Machtverhältnissen oder Umweltbedingungen zusammenhängen. Gerüche können beispielsweise auf Industrie, Verkehr, Natur, Lebensmittel, Abfall oder Wohnverhältnisse hinweisen und damit soziale und räumliche Ungleichheiten sichtbar machen. Smellscapes werden häufig durch Smellwalks erhoben, bei denen Forschende oder Teilnehmende durch Räume gehen und Gerüche dokumentieren, beschreiben und kartieren. Oft werden Geruchswahrnehmungen in Karten eingetragen oder mit Tagebüchern, Audioaufnahmen oder Interviews kombiniert. Die Methode wird insbesondere in der Stadtgeographie, Umweltgeographie, Gesundheitsgeographie und in der sensorischen Geographie eingesetzt.
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Porteous, J.D. (1985): Smellscape. Progress in Human Geography, 9(3), 356–378. https://doi.org/10.1177/030913258500900303
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McLean, K. (2014): Smellmap: Amsterdam – Olfactory Art & Smell Visualisation.
Participatory Mapping
Participatory Mapping bezeichnet qualitative und partizipative Kartierungsmethoden, bei denen Teilnehmende selbst Karten erstellen oder bestehende Karten ergänzen, um ihr räumliches Wissen, ihre Alltagspraktiken, Nutzungen, Wahrnehmungen oder Konflikte sichtbar zu machen. Kartieren wird dabei nicht als technische, sondern als soziale Praxis verstanden. Die Methode macht sichtbar, wie Räume aus Sicht derjenigen strukturiert sind, die in ihnen leben oder sie nutzen. Gleichzeitig zeigt sich, dass unterschiedliche Gruppen Räume unterschiedlich wahrnehmen und nutzen, wodurch sozialräumliche Ungleichheiten, Konflikte oder Ausschlüsse sichtbar werden können. Participatory Mapping ist häufig ein Gruppenprozess, in dem Karten gemeinsam erstellt werden. Dadurch entstehen nicht nur Karten als Daten, sondern auch Diskussionen, Aushandlungen und kollektive Raumdeutungen. Die Methode wird daher oft in der Stadtgeographie, Entwicklungsgeographie, Umweltgeographie oder in der Forschung zu indigenem Wissen eingesetzt. Participatory Mapping ist eng mit Participatory GIS, Community Mapping, Mental Maps oder Relief Maps verbunden, unterscheidet sich jedoch dadurch, dass der partizipative Prozess selbst zentraler Bestandteil der Methode ist.
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Chambers, R. (2006): Participatory mapping and geographic information systems: Whose map? Who is empowered and who disempowered? Electronic Journal of Information Systems in Developing Countries, 25(1), 1–11. https://doi.org/10.1002/j.1681-4835.2006.tb00163.x
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Peluso, N.L. (1995): Whose woods are these? Counter-mapping forest territories in Kalimantan, Indonesia. Antipode, 27(4), 383–406. https://doi.org/10.1111/j.1467-8330.1995.tb00286.x
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Jahre, Sylvana; Schmiz Antonie (2023): Behind the Scenes: Reflecting Feminist Approaches in Participatory Mapping. Mediapolis: A Journal of Cities and Culture 8(4).
(digital) Story Mapping / Narrative Mapping (Fictional Cartography, Narrative Atlas, Geospatial Storytelling, Pictorial Narrative Mapping)
Story Mapping oder Narrative Mapping bezeichnet qualitative Kartierungsmethoden, bei denen räumliche Informationen mit Geschichten, Erinnerungen, Bildern, Videos oder Audioaufnahmen verknüpft werden. Karten dienen dabei nicht nur der Darstellung von Orten, sondern als Medium, um sozialräumliche Erfahrungen, Biographien, Konflikte oder alternative Raumwissen in narrativer Form darzustellen. Digitale Story Maps kombinieren häufig Karten mit multimedialen Inhalten und ermöglichen dadurch eine räumlich strukturierte Erzählform. Geschichten sind dabei räumlich verortet, etwa entlang von Wegen, Migrationsrouten, Alltagswegen, Lebensstationen oder Konfliktorten. Dadurch wird sichtbar, dass Räume nicht nur physisch existieren, sondern durch Erinnerungen, Erzählungen und Erfahrungen hergestellt werden. Narrative Mapping wird häufig in der Migrationsforschung, Stadtforschung, Erinnerungsforschung, Umweltforschung oder in der partizipativen Forschung eingesetzt. Besonders digitale Story Maps ermöglichen es, verschiedene Medien zu kombinieren und damit komplexe sozialräumliche Prozesse darzustellen. Die Methode liegt an der Schnittstelle von Kartographie, narrativen Methoden, visuellen Methoden und digitalen Methoden und wird in der kritischen Kartographie häufig genutzt, um dominante Karten und Raumdarstellungen zu hinterfragen und alternative Raumwissen sichtbar zu machen. Narrative Karten können auch fiktionale oder spekulative Räume darstellen, etwa in der fictional cartography oder in narrativen Atlanten. In solchen Ansätzen wird Kartierung als kreative und kritische Praxis verstanden, mit der alternative räumliche Vorstellungen, Zukunftsszenarien oder marginalisierte Perspektiven dargestellt werden können.
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Caquard, S. and Cartwright, W. (2014): Narrative cartography: From mapping stories to the narrative of maps and mapping. The Cartographic Journal, 51(2), 101–106. https://doi.org/10.1179/0008704114Z.000000000130
Sense Maps
Sense Maps sind qualitative, meist partizipative Kartierungsmethoden, mit denen sinnliche Wahrnehmungen von Räumen kartiert werden, etwa Geräusche, Gerüche, Temperaturen, Atmosphären, Gefühle oder soziale Wahrnehmungen wie Sicherheit oder Zugehörigkeit. Ziel ist es, nicht nur physische Räume, sondern gelebte und wahrgenommene Räume sichtbar zu machen. Teilnehmende tragen auf Karten ein, wo es laut oder ruhig ist, wo es angenehm oder unangenehm riecht, wo sie sich sicher oder unsicher fühlen oder wo bestimmte Atmosphären wahrgenommen werden. Dadurch lassen sich Alltagsräume, Angsträume, Wohlfühlorte, Lärmzonen oder soziale Grenzen kartieren. Die Methode macht sichtbar, dass Räume nicht nur materiell, sondern auch sinnlich und affektiv produziert werden.
Sense Mapping wird häufig in der Stadtgeographie, der Wahrnehmungsgeographie, der Gesundheitsgeographie oder der Umweltgeographie eingesetzt. Die Methode wird oft mit Walking Methods, Interviews oder visuellen Methoden kombiniert, da die sinnlichen Wahrnehmungen häufig direkt im Raum erhoben werden.
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Rodaway, P. (1994): Sensuous Geographies: Body, Sense and Place. London: Routledge.
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Pink, S. (2009): Doing Sensory Ethnography. London: Sage.