GÜTEKRITERIEN
Gütekriterien bezeichnen Kriterien zur Beurteilung der Qualität wissenschaftlicher Forschung. In der qualitativen Geographie beziehen sich Gütekriterien darauf, inwiefern Forschung nachvollziehbar, reflektiert, theoretisch fundiert und in ihren sozialräumlichen Interpretationen überzeugend ist. Sie unterscheiden sich von quantitativen Gütekriterien wie Objektivität, Reliabilität und Validität, da qualitative Forschung nicht von Messbarkeit, sondern von Interpretation und Kontextualisierung ausgeht. Grundsätzlich sind sich Forschende der Sozialforschung darin einig, dass die klassischen Gütekriterien – Objektivität, Reliabilität und Validität – im Rahmen der qualitativen Sozialforschung überdacht, angepasst BZW: nicht angewendet werden können. In der qualitativen Geographie wird Qualität nicht primär über Standardisierung oder Reproduzierbarkeit definiert, sondern über Transparenz des Forschungsprozesses, Reflexivität der Forschenden, Angemessenheit der Methoden im Verhältnis zur Fragestellung und über die theoretische und empirische Fundierung der Interpretation. Zentral ist die Frage, ob es gelingt, sozialräumliche Prozesse, Bedeutungen und Machtverhältnisse differenziert, kontextsensibel und nachvollziehbar zu rekonstruieren.
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Strübing, J., Hirschauer, S., Ayaß, R., Krähnke, U. & Scheffer, T. (2018): Gütekriterien qualitativer Sozialforschung. Ein Diskussionsanstoß. Zeitschrift für Soziologie 47, 2, 83-100. https://doi.org/10.1515/zfsoz-2018-1006
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Meyen, M., Löblich, M., Pfaff-Rüdiger, S. & Riesmeyer, C. (2018): Wie man das „richtige“ Lager findet und Qualität sichert: Dimensionen und Gütekriterien qualitativer Forschung. Wiesbaden: Springer, 21- 45.
Nachvollziehbarkeit
Nachvollziehbarkeit bezeichnet ein zentrales Gütekriterium qualitativer Forschung und meint, dass der gesamte Forschungsprozess so dokumentiert und dargestellt wird, dass andere verstehen können, wie Daten erhoben, ausgewählt, analysiert und interpretiert wurden. In der qualitativen Geographie bezieht sich Nachvollziehbarkeit insbesondere darauf, wie sozialräumliche Interpretationen zustande gekommen sind. Nachvollziehbarkeit bedeutet nicht, dass qualitative Forschung zu identischen Ergebnissen führen muss, sondern dass die einzelnen Schritte des Forschungsprozesses offengelegt werden. Dazu gehören die Entwicklung der Fragestellung, der Feldzugang, die Auswahl der Untersuchungspersonen oder Orte, die Durchführung der Erhebung, die Aufbereitung der Daten, die Auswertungsschritte sowie die theoretischen Konzepte, die zur Interpretation verwendet wurden. Ziel ist, dass Leser*innen verstehen können, wie von konkreten Daten zu bestimmten Aussagen über sozialräumliche Zusammenhänge gelangt wurde. Nachvollziehbarkeit wird in der qualitativen Geographie unter anderem durch dichte Beschreibung von Orten und Kontexten, durch die Offenlegung von Samplingstrategien, durch die Dokumentation von Auswertungsschritten, durch Memoschreiben, durch die Arbeit mit Beispielen oder Zitaten sowie durch Reflexion der eigenen Position im Forschungsprozess hergestellt. Besonders wichtig ist dabei die Verbindung zwischen empirischem Material und Interpretation, also die Frage, wie genau aus Beobachtungen, Interviews, Karten oder Bildern sozialräumliche Schlussfolgerungen entwickelt wurden.
Reflexivität
Reflexivität bezeichnet in der qualitativen Forschung die systematische Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle der Forschenden im Forschungsprozess und mit der Frage, wie Wissen im Forschungsprozess entsteht. In der qualitativen Geographie bedeutet Reflexivität insbesondere, die eigene sozialräumliche Positionierung, die Beziehungen im Feld und die Bedingungen der Wissensproduktion zu reflektieren. Reflexivität geht davon aus, dass Forschung nicht neutral ist, sondern dass Forschende den Forschungsprozess beeinflussen, etwa durch ihre Fragestellungen, ihre Präsenz im Feld, ihre sozialen Positionen, ihre theoretischen Perspektiven und ihre Interpretation der Daten. In der sozialräumlichen Forschung betrifft Reflexivität unter anderem den Zugang zu bestimmten Orten, das Verhalten im Feld, Machtverhältnisse zwischen Forschenden und Teilnehmenden sowie die Frage, welche Räume sichtbar gemacht werden und welche nicht. Reflexivität bedeutet daher, die eigene Rolle im Forschungsprozess kontinuierlich zu hinterfragen und zu dokumentieren. Dies kann über Forschungstagebücher, Memos, methodische Reflexionen oder explizite Reflexionsabschnitte in wissenschaftlichen Texten erfolgen. Reflexivität ist eng mit Positionalität, Forschungsethik und Verantwortung verbunden und wird in der qualitativen Geographie als zentrales Gütekriterium verstanden, da sie dazu beiträgt, die Bedingungen der Wissensproduktion transparent zu machen.
Reflexivität bezieht sich dabei nicht nur auf die Person der Forschenden, sondern auch auf Methoden, Daten, Theorien und Darstellungsformen. Es geht also nicht nur um Selbstreflexion, sondern um eine Reflexion des gesamten Forschungsprozesses und seiner sozialräumlichen Bedingungen.
Transparenz
In der qualitativen Geographie bedeutet Transparenz, offenzulegen, wie Wissen über sozialräumliche Zusammenhänge produziert wurde. Dazu gehört die Beschreibung des Forschungsfeldes und der räumlichen Kontexte, die Begründung der Fallauswahl oder Ortsauswahl, die Darstellung des Feldzugangs, die Beschreibung der Erhebungsmethoden, die Dokumentation der Auswertungsschritte sowie die Reflexion der eigenen Position im Forschungsprozess. Transparenz ist besonders wichtig, weil qualitative Forschung interpretativ arbeitet. Leser*innen müssen daher nachvollziehen können, wie aus Interviews, Beobachtungen, Karten, Bildern oder Dokumenten bestimmte Interpretationen über Räume, Praktiken oder Machtverhältnisse entwickelt wurden. Transparenz bedeutet dabei nicht, dass alle Daten vollständig offengelegt werden müssen, da dies aus forschungsethischen Gründen oft nicht möglich ist, sondern dass die Entscheidungen und Vorgehensweisen im Forschungsprozess sichtbar gemacht werden. Transparenz wird in der qualitativen Forschung unter anderem durch Methodenkapitel, Dokumentation von Auswertungsschritten, Zitate und Fallbeispiele, Forschungstagebücher, Memos sowie durch Reflexion methodischer Entscheidungen hergestellt. Der Begriff ist eng mit Nachvollziehbarkeit und Reflexivität verbunden, unterscheidet sich jedoch dadurch, dass Transparenz die Offenlegung des Prozesses meint, während Nachvollziehbarkeit stärker die logische Verbindung zwischen Daten und Interpretation betont.
Positionalität
In der qualitativen Geographie beeinflusst Positionalität, zu welchen Räumen Forschende Zugang erhalten, wie sie im Feld wahrgenommen werden, welche Themen angesprochen werden können und welche nicht, und wie Daten interpretiert werden. Positionalität kann sich beispielsweise entlang von Geschlecht, Alter, Herkunft, Sprache, Staatsbürger*innenschaft, institutioneller Zugehörigkeit oder wissenschaftlicher Position unterscheiden. Diese Positionierungen sind nicht statisch, sondern relational und können sich je nach Situation und Ort verändern. Positionalität wirkt sich auch auf die Produktion von Wissen über Räume aus. Forschende sehen Räume anders als Bewohnerinnen, Planerinnen anders als Aktivist*innen, Erwachsene anders als Kinder. In der qualitativen Geographie wird daher davon ausgegangen, dass Wissen über Räume immer perspektivisch ist und dass diese Perspektiven im Forschungsprozess reflektiert werden müssen. Positionalität wird häufig im Zusammenhang mit Insider–Outsider-Debatten, Reflexivität und Forschungsethik diskutiert. Methodisch bedeutet dies, dass Forschende ihre eigene Rolle im Forschungsprozess sichtbar machen, etwa in methodischen Reflexionen, Forschungstagebüchern oder methodologischen Abschnitten in wissenschaftlichen Texten.
Theoretische Sättigung
Theoretische Sättigung bezeichnet in der qualitativen Forschung den Punkt im Forschungs- und Analyseprozess, an dem durch weitere Datenerhebung keine neuen theoretisch relevanten Erkenntnisse, Kategorien oder Zusammenhänge mehr entstehen. Neue Daten führen dann nicht mehr zu neuen Konzepten, sondern bestätigen und differenzieren bestehende Kategorien. Der Begriff stammt aus der Grounded Theory, wird aber in vielen qualitativen Forschungsdesigns verwendet. In der sozialräumlichen Forschung bedeutet theoretische Sättigung, dass räumliche Praktiken, Deutungen, Beziehungen oder Strukturen so weit erhoben und analysiert wurden, dass die zentralen sozialräumlichen Muster verstanden sind. Es geht also nicht darum, möglichst viele Interviews zu führen oder möglichst viele Orte zu untersuchen, sondern so lange Daten zu erheben, bis die sozialräumlichen Kategorien und Zusammenhänge theoretisch ausreichend entwickelt sind. Theoretische Sättigung ist eng mit dem Prinzip des theoretischen Samplings verbunden. Das bedeutet, dass neue Fälle, Orte oder Personen gezielt ausgewählt werden, um bestehende Kategorien zu überprüfen, zu differenzieren oder zu kontrastieren. Wenn beispielsweise in einer Studie zu Stadtquartieren bestimmte Formen von Zugehörigkeit oder Ausschluss identifiziert wurden, werden gezielt weitere Orte oder Gruppen untersucht, um zu prüfen, ob diese Muster dort ebenfalls auftreten oder sich unterscheiden. Theoretische Sättigung ist nicht nur eine Frage der Datenmenge, sondern der theoretischen Durchdringung.
Argumentative Plausibilität
In der qualitativen Geographie entstehen Ergebnisse nicht durch Messungen, sondern durch Interpretation. Argumentative Plausibilität bedeutet daher, dass die Verbindung zwischen empirischem Material, theoretischen Konzepten und Schlussfolgerungen überzeugend hergestellt wird. Argumentative Plausibilität bezeichnet ein Gütekriterium qualitativer Forschung und meint, dass Interpretationen und Schlussfolgerungen logisch, theoretisch fundiert und auf Basis des empirischen Materials überzeugend begründet sind. Leser*innen müssen verstehen können, warum bestimmte Interpretationen vorgenommen wurden und nicht andere. Argumentative Plausibilität entsteht, wenn empirische Beispiele wie Interviewausschnitte, Beobachtungen, Karten, Bilder oder Dokumente mit theoretischen Konzepten verknüpft werden und daraus schlüssige Aussagen über sozialräumliche Prozesse entwickelt werden. Wichtig ist dabei, dass auch widersprüchliche Fälle, Unsicherheiten und alternative Interpretationen reflektiert werden. Eine plausible Argumentation zeigt also nicht nur Ergebnisse, sondern auch den Weg der Interpretation. Argumentative Plausibilität ist eng mit Nachvollziehbarkeit, Transparenz, theoretischer Fundierung und Reflexivität verbunden. In der qualitativen sozialräumlichen Forschung bedeutet dies insbesondere, dass Interpretationen zu Raum, Ort, Mobilität, Machtverhältnissen oder Alltagspraktiken überzeugend aus dem empirischen Material entwickelt werden und nicht nur behauptet werden.
Intersubjektivität
Intersubjektivität bezeichnet die gemeinsame Herstellung und das geteilte Verstehen von Bedeutung zwischen Menschen. Der Begriff geht davon aus, dass Wissen, Wirklichkeit und Sinn nicht nur im Inneren eines einzelnen Subjekts entstehen, sondern im Austausch zwischen mehreren Subjekten. Wirklichkeit wird in dieser Perspektive nicht einfach individuell wahrgenommen und auch nicht vollständig unabhängig von Menschen objektiv erkannt, sondern in sozialen Prozessen ausgehandelt, bestätigt, verändert und stabilisiert. Sprache, Kommunikation und soziale Interaktion spielen dabei eine zentrale Rolle, weil Menschen in ihnen ihre Wahrnehmungen, Interpretationen und Erfahrungen miteinander teilen und aufeinander beziehen. In den Sozialwissenschaften ist Intersubjektivität deshalb ein zentrales Konzept, weil hier davon ausgegangen wird, dass soziale Wirklichkeit immer eine gemeinsam hergestellte Wirklichkeit ist. Wenn Menschen beispielsweise über Familie, Migration, Risiko, Natur oder Zukunft sprechen, dann beziehen sie sich auf Bedeutungen, die sie nicht alleine erfunden haben, sondern die gesellschaftlich entstanden sind und von anderen verstanden werden. Dass wir uns überhaupt verständigen können, beruht also auf intersubjektiv geteilten Bedeutungen und Wissensbeständen. Für die qualitative Forschung ist der Begriff besonders wichtig. Hier wird davon ausgegangen, dass Daten nicht einfach objektiv gegeben sind, sondern im Forschungsprozess entstehen. In einem Interview zum Beispiel entstehen Aussagen, Deutungen und Erzählungen in der Interaktion zwischen forschender Person und befragter Person. Die Fragen, die Situation, die Beziehung zwischen den Personen und die Reaktionen im Gespräch beeinflussen, was erzählt wird und wie etwas erzählt wird. Wissen wird in diesem Sinne im Forschungsprozess gemeinsam produziert und ist daher intersubjektiv.