VERBALE, VISUELLE, MOBILE UND DIGITALE ERHEBUNGSMETHODEN
Erhebungsmethoden kommen zum Einsatz, um Daten zu Forschungszwecken zu generieren. Dabei werden Daten nicht einfach „gefunden“, sondern im Forschungsprozess aktiv hervorgebracht. Sie entstehen in spezifischen sozialen, materiellen und methodischen Arrangements und sind stets durch theoretische Annahmen, Fragestellungen und die Position der Forschenden mitgeprägt. Für Forschende bilden diese Daten die Grundlage des weiteren Forschungsprozesses. Sie werden dokumentiert, aufbereitet, strukturiert, interpretiert und analysiert. Dieser Prozess ist nicht linear, sondern iterativ und reflexiv organisiert, sodass Erhebung, Auswertung und Theoriebildung oft eng miteinander verschränkt sind. Welche Erhebungsmethode für welche Alltagswelt geeignet ist, lässt sich nicht pauschal festlegen. Die Wahl und Kombination von Methoden orientiert sich am jeweiligen Erkenntnisinteresse, an theoretischen Zugängen sowie an praktischen und ethischen Rahmenbedingungen.
VERBALE ERHEBUNGSMETHODEN
Verbale Erhebungsmethoden umfassen qualitative Verfahren, bei denen sozialräumliches Wissen über sprachliche Äußerungen erhoben wird, etwa in Interviews, Gruppendiskussionen oder narrativen Gesprächen. Im Zentrum steht, wie Akteur*innen Räume wahrnehmen, beschreiben und interpretieren. Ziel ist die Rekonstruktion sozialräumlicher Deutungen, Bedeutungen und Wissensbestände. Verbale Daten ermöglichen Einblicke in Wahrnehmungen von Orten, Zugehörigkeiten, Grenzziehungen, Mobilitäten oder Umweltverhältnissen und machen sichtbar, wie Räume diskursiv hergestellt und verhandelt werden. Charakteristisch ist die Erhebung von Daten in sprachlich strukturierter Form, die interpretativ ausgewertet werden. Verbale Methoden sind besonders geeignet, subjektive Raumdeutungen und narrative Konstruktionen von Raum zu erfassen, erfassen jedoch körperliche, materielle und implizite Dimensionen nur indirekt. Daher werden sie häufig mit anderen Methoden kombiniert, etwa Beobachtung oder visuellen Verfahren. Die Erhebungssituation ist sozialräumlich situiert und durch Machtverhältnisse geprägt, die reflektiert werden müssen.
Qualitative Interviewforschung
Qualitative Interviewforschung zielt in der Geographie darauf, das Verhältnis von Mensch und Raum aus der Perspektive der Handelnden zu verstehen. Sie ermöglicht Einsichten in räumliche Wahrnehmungen, Alltagspraktiken, Mobilitäten, Zugehörigkeiten und Ausschlüsse. Dabei geht es nicht nur um individuelle Erfahrungen, sondern um die Einbettung dieser Erfahrungen in sozialräumliche Strukturen, Machtverhältnisse und materielle Umgebungen. Interviewdaten tragen so dazu bei, Räume als relational, gemacht und umkämpft zu analysieren. Ein zentrales Merkmal ist die Offenheit gegenüber unterschiedlichen Raumdeutungen und -erfahrungen. Leitfäden strukturieren das Gespräch entlang sozialräumlicher Themen wie Wohnen, Mobilität, Nutzung von Orten oder Wahrnehmung von Umweltveränderungen, bleiben aber flexibel für unerwartete räumliche Bezüge. Der Ort des Interviews selbst kann Teil der Datenerhebung sein, etwa bei Walking Interviews oder ortsgebundenen Gesprächen, da räumliche Kontexte Erinnerungen, Erzählungen und Bedeutungszuschreibungen mitprägen.
Reflexivität ist zentral, insbesondere im Hinblick auf die Positionierung der Forschenden im Raum sowie auf Machtverhältnisse, die sich entlang von Zugang zu Orten, Sichtbarkeit und Zugehörigkeit strukturieren.
- Valentine, G. (2005): Tell me about…: using interviews as a research methodology. In: Flowerdew, R. and Martin, D. (eds.): Methods in Human Geography. 2nd ed. Harlow: Pearson, 110–127.
- Sin, C.H. (2003): Interviewing in “place”: the socio-spatial construction of interview data. Area, 35(3), 305–312. https://doi.org/10.1111/1475-4762.00179.
- Elwood, S. and Martin, D. (2000): “Placing” interviews: location and scales of power in qualitative research. The Professional Geographer, 52(4), 649–657. https://doi.org/10.1016/j.apgeog.2010.09.005.
- Dunn, K. (2016): Interviewing. In: Hay, I. (ed.): Qualitative Research Methods in Human Geography. 4th ed. Oxford: Oxford University Press, 149–188.
Lautes Denken / Freies Assoziieren
Lauten Denkens auch bezeichnet als Denke-Laut-Methode, Gedankenprotokoll, Thinking Aloud Protocol (TAP), Talk Aloud Interview, Think Aloud oder auch Verbal Protocol ist eine Erhebungsmethode, die auf die Verbalisierungen von Gedanken zielt. Untersuchungsteilnehmende werden dabei nicht im klassischen Sinne interviewt – es entsteht in diesem Sinne kein Dialog respektive Gespräch zwischen Interviewer*in und interviewten Person. Im Gegenteil dazu werden Untersuchungsteilnehmende motiviert (z.B. durch eine Aufgabe wie: „Laufen Sie durch diesen Stadtteil und erzählen Sie alles, was Ihnen in den Sinn kommt“) ihre Gedanken zu äußern. Diese Verbalisierungen können direkt aufgenommen, anschließend dokumentiert, ausgewertet und interpretiert werden.
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Ericsson, K. A. & H. A. Simon (2023): Protocol Analysis. Verbal Reports as Data. Rev. edition. Cambridge, MA: MIT Press.
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Konrad, K. ( 2010): Lautes Denken In: Mey, G. & K. Mruck (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie. Wiesbaden, VS, 476-490, https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-531-92052-8_34.
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Budke, A., M. Kuckuck & F. Schäbitz (2015): Argumentationsbewertungsbögen und Lautes Denken. Erhebung der geographischen Argumentationsrezeptionskompetenzen von SchülerInnen. In: Budke, A. & M. Kuckuck (Hrsg.): Geographiedidaktische Forschungsmethoden. Praxis Neue Kulturgeographie, Band 10, Münster: Lit, 369- 387.
VISUELLE ERHEBUNGSMETHODEN
Die Geographie ist seit ihren Anfängen eine visuelle Wissenschaft, da sie im Zuge der Vermessung und Beschreibung räumlicher Phänomene zumeist auch (Welt-)Karten und nicht zuletzt auch den Globus als Anschauungsmodell von der gesamten Welt produzierte. Mittlerweile ist die geographische Forschung neben Karten von einer Vielzahl weiterer visueller Produkte geprägt wie Skizzen, Diagramme, Grafiken und/oder Modelle. Innerhalb der qualitativ informierten geographischen Forschung werde visuelle Produkte wie Fotos erstens als Stimuli der Datenerhebung, zweitens als Grundlage der (Welt-)Bildanalyse, drittens als Dokumentation und viertens als Vermittlung von Forschungsergebnissen benutzt.
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Oldrup, H. H. & T. A. Carstensen (2012): Producing geographical knowledge through visual methods. In: Geografiska Annaler, Series B, Human Geography 94, 3, 223–237.
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Gauntlett, D. & P. Holzwarth (2006): Creative and Visual Methods for Exploring Identities. In: Visual Studies 21, 1, 82–91.
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Dimbath, O. (2013): Visuelle Stimuli in der qualitativen Forschung. Potenziale und Grenzen des fotogestützten Interviews. In: Soziale Welt 64, 1/2, 137–152.
Videographie
Videographie ist Zugang, bei dem sozialräumliche Praktiken, Interaktionen und Materialitäten mittels Videoaufnahmen erhoben und analysiert werden. Im Zentrum steht die visuelle und auditive Erfassung von Handlungen im Raum, wodurch neben verbalisierten auch körperliche, affektive und situative Dimensionen von Raum sichtbar werden. Videographie zielt darauf, die Herstellung von Raum in situ nachzuvollziehen. Sie ermöglicht Einblicke in alltägliche sozialräumliche Praktiken, Bewegungen, Atmosphären und Interaktionen zwischen Menschen, Dingen und Umgebungen. Besonders relevant ist sie, um die Verkörperung von Raum sowie implizites, oft nicht artikuliertes Wissen zu erfassen.
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Layer, Y.N. (2025): Geography crosses media: integrating videography, photography and digital methods in geographic research and teaching. Journal of Geography in Higher Education. https://doi.org/10.1080/03098265.2024.2338113
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Nawrath, M. et al. (2024): Using participatory video in environmental research: documenting local knowledge and human–environment relations. People and Nature. https://doi.org/10.1002/pan3.10646
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Dirksmeier, P. and Helbrecht, I. (2008): Time, non-representational theory and the “performative turn” – towards a new methodology in qualitative social research. Forum Qualitative Sozialforschung, 9(2). https://doi.org/10.17169/fqs-9.2.385
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Heath, C., Hindmarsh, J. and Luff, P. (2010): Video in Qualitative Research: Analysing Social Interaction in Everyday Life. London: Sage.
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Kindon, S. (2003): Participatory video in geographic research: a feminist practice of looking? Area, 35(2), 142–153. https://doi.org/10.1111/1475-4762.00236
Reflexive Fotographie, Photo Voice und Photo Elizitation
Bei Anwendung der Reflexiven Fotographie bitten Forschende die Forschungsteilnehmenden eigenständig und unabhängig von den Forschenden Fotos zu bestimmten Themen zu machen, die daraufhin als Gesprächsgrundlage eines Interviews dienen. Fotographie und Interview ermöglichen einen Zugriff auf „normative, klassenspezifische und ästhetische Kriterien (…) sowie gruppenspezifische Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster“ (Dirksmeier 2007, 79). Das Vorgehen der Reflexive Fotographie und der Photo Voice Methode ist gleich, jedoch basiert die Photo Voice Methode auf explizit feministischen, partizipatorischen und aktivistischen Theorieansätzen und wird daher stärker in feministischen, partizipatorisch und aktivistisch ausgerichteten Science Community rezipiert. Reflexive Fotographie, Photo Voice und Photo Elizitation unterscheiden sich alleinig darin, dass bei der Photo Elizitation es auch vorkommen kann, dass bereits von den Forschenden vorbestimmte Bilder als Grundlage des Interviews verwendet werden, um den Forschungsteilnehmenden Kommentare zu den Fotos zu entlocken.
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Dirksmeier, P. (2007): Mit Bourdieu gegen Bourdieu empirisch denken: Habitusanalyse mittels reflexiver Fotografie. In: ACME: An International E-Journal for Critical Geographies 6, 1, 73–97.
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Stotten, Rike (2018): Through the agrarian lens: an extended approach to reflexive photography with farmers. In: Visual Studies 33, 4, 374–394.
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Harper, Douglas (2002): Talking about pictures: a case for photo elicitation. In: Visual Studies 17, 1, 13–26.
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Abma, T., M. Breed, S. Lips & J. Schrijver (2022): Whose Voice is It Really? Ethics of Photovoice With Children in Health Promotion. In: International Journal of Qualitative Methods 21.
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Wang, C. (2003): Using Photovoice as a participatory assessment and issue selection tool: a case study with the homeless in Ann Arbor. In: Minkler, M. & N. Wallerstein (eds) Community‐Based Participatory Research for Health. Jossey Bass, San Francisco, CA, 179–196.
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Nykiforuk, C. I. J., H. Vallianatos; L. M. Nieuwendyk (2011): Photovoice as a Method for Revealing Community Perceptions of the Built and Social Environment. In: International Journal of Qualitative Methods 10, 2, 103–124.
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MacLean, K. & E. Woodward (2012): Photovoice Evaluated: An Appropriate Visual Methodology for Aboriginal Water Resource Research. In: Geographical Research 51, 1, 94–105, https://doi.org/10.1111/j.1745-5871.2012.00782.x.
Die im Zuge der Reflexiven Fotographie und auch Photovoice Methode erstellten Bilder gewinnen zunehmend auch ein Interesse als Datengrundlage. Immer mehr Forschende sehen in den Bildern nicht nur ein Stimuli-Potenzial für Interview, sondern erkennen deren eigenen Wert als Datum. Im Zuge dessen werden Analysemethoden entwickelt, die die Analyse dieser Fotos in den Blick nehmen.
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Burles, M., & Thomas, R. (2014). “I Just Don’t Think There’s any other Image that Tells the Story like [This] Picture Does”: Researcher and Participant Reflections on the Use of Participant-Employed Photography in Social Research. International Journal of Qualitative Methods, 185–205. https://doi.org/10.1177/160940691401300107.
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Capous-Desyllas, M., & Bromfield, N. F. (2018). Using an Arts-Informed Eclectic Approach to Photovoice Data Analysis. International Journal of Qualitative Methods. https://doi.org/10.1177/1609406917752189.
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Holm, G. (2008). Photography as a Performance. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research 9, 2. https://doi.org/10.17169/fqs-9.2.394.
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Brown, A., Spencer, R., McIsaac, J.-L., & Howard, V. (2020). Drawing Out Their Stories: A Scoping Review of Participatory Visual Research Methods With Newcomer Children. International Journal of Qualitative Methods. https://doi.org/10.1177/1609406920933394.
Autophotographie
Ebenso wie bei der Reflexiven Fotographie bitten auch bei der Autophotographie Forschende die Forschungsteilnehmenden Fotos eigenständig und unabhängig von den Forschenden zu machen. Bei der Autophotographie folgt jedoch im Anschluss an die Fotoaufnahmen kein Interview mit den Fotografierenden. Die Fotos sollen für sich selbst sprechen und werden meist inhaltsanalytisch ausgewertet.
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Dirksmeier, P. (2013): Zur Methodologie und Performativität qualitativer visueller Methoden. Die Beispiele der Autofotografie und reflexiven Fotografie. In: Rothfuß, E. & T. Dörfler: Raumbezogene Qualitative Sozialforschung. Perspektiven der Humangeographie. Springer, Wiesbaden, 83–101, https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-531-93240-8_4.
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Aitken, S. C. & J. Wingate (1993): A Preliminary Study of the Self-Directed Photography of Middle-Class, Homeless, and Mobility-Impaired Children. In: The Professional Geographer 45, 65–72.
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Dodman, D. R. (2003): Shooting in the City: An Autophotographic Exploration of the Urban Environment in Kingston, Jamaica. In: Area 35, 293–304, https://www.jstor.org/stable/20004323?seq=1.
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Ziller, R. C. (1990): Photographing the Self: Methods for Observing Personal Orientations. Newbury Park, London, New Delhi: Sage Publications.
Drawing / Painting
Drawing und Painting bezeichnen qualitative visuelle Erhebungsmethoden, bei denen Teilnehmende sozialräumliche Erfahrungen, Wahrnehmungen und Bedeutungen durch Zeichnungen oder Malereien ausdrücken. Der Fokus liegt auf der visuellen Artikulation von Raumbezügen, die sich sprachlich oft nur begrenzt erfassen lassen. Ziel ist es, subjektive und verkörperte Raumwahrnehmungen sichtbar zu machen, etwa emotionale Bindungen an Orte, räumliche Unsicherheiten oder Alltagspraktiken. Zeichnungen und Bilder ermöglichen Zugang zu implizitem Wissen, Affekten und sinnlichen Dimensionen von Raum sowie zu Perspektiven, die in verbalen Methoden marginalisiert bleiben. Charakteristisch ist die Produktion visueller Daten durch die Teilnehmenden selbst. Der Forschungsprozess ist häufig partizipativ angelegt und eröffnet alternative Ausdrucksformen jenseits sprachlicher Dominanz. Die Interpretation erfolgt im Zusammenspiel von Bildanalyse und Kontextwissen, oft ergänzt durch Gespräche über die entstandenen Bilder. Die Methode macht sichtbar, dass Raum nicht nur diskursiv, sondern auch visuell und affektiv hergestellt wird.
Video stimulated recall
Ein überwiegender Teil des Handelns erfolgt routiniert und damit unbewusst. In der qualitativen Forschung ist es jedoch von Interesse die Hintergründe von Handlungen zu verstehen; wobei das bloße Nachfragen nach dem „Warum haben Sie dies und das so getan….“ oftmals nicht ausreicht, um eine hinreichende Antwort zu erhalten. Aus diesem Grund greifen Forschende auf stimulierende Mittel zurück, um anhand konkreter Beispiele (Bilder, Videos….) die Hintergründe Handlungsentscheidungen erfragen zu können. Video-stimulated recall ist neben Reflexiver Geographie oder auch neben going along / walking interviews eine Methode, um das Interview zu stimulieren und um routinierte Handlungen verstehend nachvollziehen zu können.
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Thanh Nguyen, Nga, Amanda McFadden, Donna Tangen & Denise Beutel (2013): Video-stimulated recall interviews in qualitative research. Joint AARE Conference, Adelaide 2013. https://files.eric.ed.gov/fulltext/ED603301.pdf, (10.11.2021).
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Rhoades, Jane E, (2018): Researching multilayered multicultural interaction in Africa using the video-stimulated recall research method. London: SAGE
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Scholten, Nina ; Höttecke, Dietmar ; Sprenger, Sandra (2009): How do geography teachers notice critical incidents during instruction? In: International research in geographical and environmental education 29, 2, 163-177.
MOBILE METHODS
Der Begriff Mobile Methods bezeichnet einen methodologischen Zugang innerhalb der qualitativen Sozialforschung, der darauf abzielt, soziale Wirklichkeiten in Bewegung zu erfassen. Im Zentrum steht die Annahme, dass viele soziale Praktiken, Erfahrungen und Bedeutungszuschreibungen nicht statisch sind, sondern sich durch Mobilität konstituieren – also durch Gehen, Fahren, Pendeln, Reisen oder digitale Vernetzung. Statt Daten ausschließlich in ruhenden Settings wie Interviewsituationen oder festen Orten zu erheben, verlagern Mobile Methods die Forschung in situ und in motion.
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Naumann, M. & A. Strüver (2025): Handbuch Mobile Methoden in der Sozial- und Raumforschung. Stuttgart: utb.
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Drozdzewski, D. & J. O. Lopez Berengueres (2024): Developing QualNotes: A collaborative and cross-disciplinary ethnography. In: Digital Geography and Society 6, 100086, https://doi.org/10.1016/j.diggeo.2024.100086.
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Youtube: mobile mapping with qualnotes hd
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Palys, T. & C. Atchison (2012): Qualitative research in the digital era: obstacles and opportunities. In: International Journal for Qualitative Methods 11, 4, 352–367, https://doi.org/10.1177/160940691201100404.
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Deloitte (2013): Beyond the hype: The true potential of mobile. Deloitte: London.
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Fernee, H., N. Sonck & A. Scherpenzeel (2013): Data collection with smartphones: Experiences in a time use survey. New techniques and technologies for statistics 2013, Brussels, 5–7.
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Sonck, N. & H. Fernee (2013): Using smartphones in survey research: A multifunctional tool. The Netherlands Institute for Social Research, The Hague.
DIGITALE ERHEBUNGSMETHODEN
Die soziale Wirklichkeit wird im Zuge postmoderner Kommunikationstechnologien zunehmend in digitalen Räumen produziert und reproduziert. Spätestens mit den sozialen Netzwerken erweitert (wenn nicht sogar verlagert) sich das Soziale in den digitalen Raum. Die Digitalisierung der Alltagswelt führt dazu, dass sozialwissenschaftlich Forschende von einer dualistische Unterscheidungen zwischen digital und analog absehen und zunehmend das Digitale als immanenten Aspekt der (westlichen) Lebenswirklichkeit verstehen. Im Zuge dessen stellt sich die Frage, welche Prozesse, Handlungen, Strategien durch das Digitale ermöglicht werden und wie dies das Soziale und Sozialräumliche verändert. Qualitativ Forschenden haben klassische qualitative Methoden einerseits für diese Forschungskontexte adaptiert und andererseits neue qualitative Methoden entwickelt. Hinzu kommt, dass die Digitalisierung (und Technisierung) die qualitative Datenerhebung durch eine Vielzahl „technischer tools“ wie App-, SMS- und Web-based Surveys vereinfacht und erweitert.
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Rogers, R. (2013): Digital Methods. Cambridge: MIT Press.
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Leszczynski, A. (2018): Digital methods II: Digital-visual methods. In: Progress in Human Geography 43, 6, 1143–1152, https://doi.org/10.1177%2F0309132518787997.
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Seta, G. de (2020): Three lies of digital ethnography. In: Journal of Digital Social Research2, 1, 77–97, https://jdsr.se/ojs/index.php/jdsr/article/view/24.
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Pink, S.: Digital Ethnography: https://www.youtube.com/watch?v=0ugtGbkVRFM
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Pink, S.: Refiguring Techniques: https://digital-ethnography.com/sarah-pink-refiguring-techniques/
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Pink, S. & V. Fors (2017): Self-tracking and mobile media: New digital materialities. In: Mobile Media & Communication 5, 3, 219–238, https://doi.org/10.1177%2F2050157917695578.
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Plowman, L. & O. Stevenson (2012): Using mobile phone diaries to explore children’s everyday lives. Childhood 19, 4, 539–553, https://doi.org/10.1177%2F0907568212440014.
Apps
Apps sind digitale Werkzeuge, die auf mobilen Endgeräten genutzt werden, um sozialräumliche Daten zu erheben, zu dokumentieren oder zu generieren. In der qualitativen Geographie dienen sie dazu, räumliche Praktiken, Mobilitäten, Wahrnehmungen und Erfahrungen in situ zu erfassen. Apps ermöglichen es, sozialräumliche Prozesse unmittelbar im Alltag zu erfassen, etwa Bewegungen durch den Raum, ortsbezogene Wahrnehmungen oder situative Interaktionen mit Umgebungen. Sie eröffnen Zugänge zu dynamischen und zeitlich dichten Daten über das Verhältnis von Mensch und Raum. Charakteristisch ist die Verbindung von räumlicher Verortung und Datenerhebung, etwa durch GPS, Fotos, Audio oder Texteingaben. Apps erlauben es, Daten orts- und zeitgebunden zu sammeln und häufig auch partizipativ zu gestalten.
Online/Email Interviews
Bei Online- und E-Mail-Interviews werden sozialräumliche Deutungen und Erfahrungen über digitale Kommunikationsformen erhoben werden. Die Interaktion erfolgt synchron, etwa per Video oder Chat, oder asynchron über E-Mail, wodurch räumliche Distanz überbrückt wird. Ziel ist die Rekonstruktion sozialräumlicher Wahrnehmungen, Praktiken und Bedeutungen in digital vermittelten Gesprächssituationen. Die Methode ermöglicht es, räumlich verteilte Lebenswelten, transnationale Bezüge und digital geprägte Raumverhältnisse zu erfassen. Charakteristisch ist die Entkopplung von physischer Ko-Präsenz und Datenerhebung. Gleichzeitig entstehen neue Formen der sozialräumlichen Situierung, etwa durch digitale Umgebungen, private Räume im Hintergrund oder infrastrukturelle Ungleichheiten im Zugang zu Technologien. Bedeutsam wurden diese Erhebungsmethoden im Kontext von Covid-19. Viel Wissen über die Möglichkeiten und Grenzen der Methode konnten in dieser Zeit auch für die Zukunft erfasst werden.
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Argañaraz Gomez, M., Y. F. Perez & C. Galindo Valera (2025): PARqueologia Migrante: Latinas engaging in Virtual Youth Participatory Action Research. Children's Geographies 23, 1, 100-108. https://doi.org/10.1080/14733285.2023.2253176
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Gailloux C, Furness WW, Myles CC, Wiley DS and Collins K (2022): Fieldwork without the field: Navigating qualitative research in pandemic times. Front. Sustain. Food System, 6, 750409. doi: 10.3389/fsufs.2022.750409
Online Umfragen
Online-Umfragen sind digitale Erhebungsverfahren, bei denen Daten über webbasierte Fragebögen erhoben werden. In der qualitativen Geographie werden sie genutzt, um sozialräumliche Wahrnehmungen, Erfahrungen und Bewertungen ortsunabhängig zu erfassen, häufig in Kombination mit offenen Fragenformaten. Ziel ist die Erhebung von sozialräumlichen Deutungen und Praktiken über größere und räumlich verteilte Stichproben hinweg. Online-Umfragen ermöglichen es, Einschätzungen zu Orten, Mobilitäten, Umweltverhältnissen oder räumlichen Ungleichheiten zu erfassen und dabei auch transnationale oder schwer erreichbare Gruppen einzubeziehen. Charakteristisch ist die digitale, ortsunabhängige Datenerhebung über standardisierte oder teilstandardisierte Instrumente.
Visual Diaries
Mittels Visual Diaries dokumentieren Teilnehmende sozialräumliche Erfahrungen und Praktiken über einen bestimmten Zeitraum hinweg visuell, etwa durch Fotos, Videos oder Zeichnungen. Im Fokus steht die fortlaufende Erfassung von Alltagsbezügen zu Räumen aus der Perspektive der Teilnehmenden. Ziel ist es, sozialräumliche Praktiken, Routinen und Wahrnehmungen in ihrer zeitlichen und situativen Einbettung zu rekonstruieren. Visual Diaries ermöglichen Einblicke in alltägliche Raumaneignungen, Mobilitäten, Atmosphären und Affekte, die in punktuellen Erhebungen oft unsichtbar bleiben. Charakteristisch ist die longitudinale, prozesshafte Datenerhebung durch die Teilnehmenden selbst. Die Methode ist häufig partizipativ angelegt und verschiebt die Kontrolle über Datenerhebung teilweise zu den Beteiligten. Visuelle Tagebücher verbinden räumliche, zeitliche und affektive Dimensionen und machen sichtbar, wie Räume im Alltag kontinuierlich hergestellt werden. Die Auswertung erfolgt meist in Kombination mit begleitenden Gesprächen, um die Bedeutungen der visuellen Einträge kontextualisieren zu können.
Short Message Surveys
Bei Short Message Surveys werden Daten über kurze Textnachrichten auf mobilen Geräten erhoben. Sie dienen dazu, sozialräumliche Erfahrungen, Wahrnehmungen und Praktiken in situ und in hoher zeitlicher Dichte zu erfassen. Ziel ist die Erhebung situativer und alltagsnaher sozialräumlicher Daten, etwa zu Mobilität, Aufenthaltsorten, Umweltwahrnehmungen oder Nutzungen von Orten. SMS-basierte Befragungen ermöglichen es, räumliche Praktiken in Echtzeit oder nahezu in Echtzeit zu dokumentieren und damit prozessuale Dimensionen von Raum sichtbar zu machen. Charakteristisch ist die kurze, häufig wiederholte Abfrage von Informationen über mobile Geräte. Die Methode ist besonders geeignet, um momentbezogene Einschätzungen und dynamische Veränderungen im Raum zu erfassen. Durch die Niedrigschwelligkeit der Kommunikation können auch Teilnehmende erreicht werden, die in anderen digitalen Formaten weniger präsent sind. Gleichzeitig sind die Antworten meist knapp, wodurch komplexe Bedeutungszusammenhänge nur begrenzt erfasst werden können.