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VERBALE UND VISUELLE
AUSWERTUNGSMETHODEN

Auswertungsmethoden kommen zum Einsatz, um aufgearbeitete Daten (beispielsweise ein Interview aufgearbeitet als Transkript) zu strukturieren, zu vergleichen, zu kontrastieren, um diese letztlich für die Interpretation vorzubereiten.  Welche Auswertungsmethode zu den erhobenen Daten passt, ist nicht pauschal zu beantworten. Die Passung von Daten und Auswertungsmethode orientiert sich am Erkenntnisinteresse und am (erkenntnis-)theoretischen Background der Forschung.

VERBALE AUSWERTUNGSMETHODEN

Biographieanalyse

Biographieanalyse ist ein qualitatives Auswertungsverfahren, das sich mit Lebensverläufen und Lebensgeschichten befasst und untersucht, wie individuelle Biographien mit gesellschaftlichen und räumlichen Strukturen zusammenhängen. Analysiert werden insbesondere biographische Erzählungen, narrative Interviews, Lebenslaufdaten oder Tagebücher, um zu rekonstruieren, wie sich Lebenswege, Entscheidungen und Erfahrungen im Zusammenhang mit sozialräumlichen Bedingungen entwickeln. In der qualitativen Geographie wird Biographieanalyse genutzt, um zu verstehen, wie Lebensverläufe räumlich verlaufen und wie Orte, Umzüge, Migration, Bildung, Arbeit oder Familiengründung mit räumlichen Strukturen zusammenhängen. Biographien sind immer auch räumliche Biographien, da Lebensverläufe an Orte gebunden sind und häufig Ortswechsel, Mobilität oder Ortsbindungen eine zentrale Rolle spielen. Biographieanalyse untersucht beispielsweise Wohnbiographien, Migrationsbiographien, Bildungsbiographien oder Berufsbiographien und fragt, wie sozialräumliche Strukturen wie Wohnungsmarkt, Grenzen, Infrastrukturen, Arbeitsmärkte oder Bildungssysteme individuelle Lebenswege prägen. Gleichzeitig wird analysiert, wie Menschen ihre Lebensgeschichte erzählen und wie sie räumliche Erfahrungen in ihre Biographie einordnen. Methodisch wird häufig mit narrativen Interviews gearbeitet, die anschließend hinsichtlich Lebensphasen, Wendepunkten, Entscheidungsprozessen, Ortswechseln oder Zugehörigkeiten ausgewertet werden. Biographieanalyse verbindet damit Erzählanalyse mit sozialstruktureller Analyse und eignet sich besonders, um das Verhältnis zwischen individuellen Lebensverläufen und sozialräumlichen Strukturen zu untersuchen.

  • Schütze, F. (1983): Biographieforschung und narratives Interview. Neue Praxis, 13(3), 283–293.

  • Wiles, J.L., Rosenberg, M.W. and Kearns, R.A. (2005): Narrative analysis as a strategy for understanding interview talk in geographic research. Area, 37(1), 89–99. https://doi.org/10.1111/j.1475-4762.2005.00608.x

  • Halfacree, K. and Boyle, P. (1993): The challenge facing migration research: The case for a biographical approach. Progress in Human Geography, 17(3), 333–348. https://doi.org/10.1177/030913259301700303

Narrationsanalyse

Die Narrationsanalyse ist ein qualitatives Auswertungsverfahren, das sich mit Erzählungen befasst. Analysiert wird nicht nur, was erzählt wird, sondern wie etwas erzählt wird, in welcher Reihenfolge Ereignisse dargestellt werden, welche Bedeutungen hervorgehoben werden und welche räumlichen Bezüge in Erzählungen vorkommen. In der qualitativen Geographie wird Narrationsanalyse genutzt, um zu untersuchen, wie Menschen ihre räumlichen Erfahrungen, Mobilitäten, Zugehörigkeiten oder Ortsbeziehungen in Form von Geschichten strukturieren. Erzählungen sind in der sozialräumlichen Forschung besonders wichtig, weil Menschen ihre Beziehungen zu Orten häufig in Form von Geschichten darstellen, etwa Lebensgeschichten, Migrationsgeschichten, Wohnbiographien, Alltagswege oder Konflikterfahrungen. Durch Narrationsanalyse kann rekonstruiert werden, wie Räume biographisch erlebt werden, wie Orte Bedeutung erhalten oder wie räumliche Veränderungen erzählt und interpretiert werden. Die Analyse konzentriert sich dabei auf Erzählstrukturen, zeitliche Abfolgen, Wendepunkte, räumliche Bezüge, Zugehörigkeiten oder Abgrenzungen. Besonders in der Migrationsforschung, der Stadtforschung, der Bevölkerungsgeographie oder der Bildungsgeographie wird Narrationsanalyse genutzt, um räumliche Lebensverläufe und Ortsbeziehungen zu untersuchen. Erzählungen zeigen, wie Menschen Räume erinnern, bewerten, verlieren, neu entdecken oder mit ihnen verbunden bleiben.

  • Jovchelovitch, S., & Bauer, M. (2000). Narrative interviewing. In M. W. Bauer, G. Gaskell (Eds.) Narrative interviewing (pp. 58-74). SAGE, https://doi.org/10.4135/9781849209731.n4

  • Wiles, J.L., Rosenberg, M.W. and Kearns, R.A. (2005): Narrative analysis as a strategy for understanding interview talk in geographic research. Area, 37(1), 89–99. https://doi.org/10.1111/j.1475-4762.2005.00608.x

Qualitative Inhaltsanalyse

Qualitative Inhaltsanalyse ist ein Verfahren zur systematischen, regelgeleiteten Auswertung von Texten, bei dem Material schrittweise kategorisiert und interpretiert wird. Ziel ist es, Inhalte, Themen, Argumente oder Bedeutungen in Texten zu strukturieren und zu analysieren. In der qualitativen Geographie wird die Methode häufig zur Auswertung von Interviews, Gruppendiskussionen, Dokumenten, Medienbeiträgen oder Online-Materialien verwendet, um sozialräumliche Deutungen, Praktiken oder Diskurse zu untersuchen. Qualitative Inhaltsanalyse eignet sich besonders, wenn untersucht werden soll, wie Menschen Räume beschreiben, bewerten oder nutzen, welche Probleme in bestimmten Räumen wahrgenommen werden oder wie in politischen oder medialen Dokumenten über Räume gesprochen wird. Die Methode ermöglicht es, größere Mengen an Textmaterial systematisch zu strukturieren und thematische oder analytische Kategorien zu entwickeln. Zentral ist die Arbeit mit Kategorien, die entweder aus der Theorie abgeleitet oder aus dem Material heraus entwickelt werden. Das Material wird schrittweise codiert, Kategorien werden überprüft, zusammengefasst oder differenziert, und am Ende werden Zusammenhänge zwischen Kategorien analysiert. In der Geographie können so beispielsweise Themen wie Wohnzufriedenheit, Mobilitätspraktiken, Raumwahrnehmung, Umweltkonflikte oder Stadtentwicklungsprozesse analysiert werden. Die qualitative Inhaltsanalyse ist stärker strukturierend als viele andere qualitative Auswertungsverfahren und eignet sich besonders für Projekte mit klaren Forschungsfragen, größeren Datenmengen oder anwendungsorientierten Fragestellungen, etwa in der Stadt- und Regionalforschung oder in der Planungsforschung.

  • Mayring, P. (2015): Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken. Weinheim: Beltz.

  • Kuckartz, U. (2018): Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Computerunterstützung. Weinheim: Beltz Juventa.

  • Schreier, M. (2014): Varianten qualitativer Inhaltsanalyse: Ein Wegweiser im Dickicht der Begrifflichkeiten. FQS15, 1, Art. 18. 

  • Hsieh, H.-F. and Shannon, S.E. (2005): Three approaches to qualitative content analysis. Qualitative Health Research, 15(9), 1277–1288. https://doi.org/10.1177/1049732305276687

Thematische Analyse

Die thematische Analyse ist ein qualitatives Auswertungsverfahren, bei dem Texte systematisch nach wiederkehrenden Themen, Mustern und Bedeutungen analysiert werden. Ziel ist es, zentrale Themen im Material zu identifizieren und zu interpretieren. In der qualitativen Geographie wird die thematische Analyse häufig zur Auswertung von Interviews, Gruppendiskussionen, offenen Umfragen, Dokumenten oder Medienmaterial verwendet, um sozialräumliche Erfahrungen, Wahrnehmungen und Praktiken zu untersuchen. Die thematische Analyse ist ein flexibles Auswertungsverfahren, das nicht an eine bestimmte Theorie gebunden ist. Sie eignet sich besonders, wenn untersucht werden soll, welche Themen in Bezug auf Räume, Orte oder räumliche Prozesse für bestimmte Akteur*innen wichtig sind, etwa Wahrnehmungen von Nachbarschaft, Erfahrungen mit Mobilität, Bewertungen von Landschaften oder Konflikte um Raum. Im Zentrum steht die Identifikation von Themen im Material. Diese Themen werden aus dem Material heraus entwickelt oder theoretisch geleitet gebildet und anschließend systematisch im gesamten Material gesucht, verglichen und interpretiert. Dadurch können typische Muster sozialräumlicher Erfahrungen sichtbar gemacht werden, etwa wiederkehrende Probleme in bestimmten Stadtteilen, typische Formen der Raumaneignung oder wiederkehrende Argumentationsmuster in Planungsdebatten. Die thematische Analyse ist weniger stark regelgeleitet als die qualitative Inhaltsanalyse und stärker interpretativ ausgerichtet. Sie wird in der Geographie häufig in Kombination mit Interviews, Fokusgruppen, Tagebüchern oder visuellen Materialien verwendet.

  • Braun, V. & Clarke, V. (2012): Thematic analysis. In: Cooper, H. (ed.): APA Handbook of Research Methods in Psychology. Washington, DC: APA.

  • Nowell, L.S., Norris, J.M., White, D.E. & Moules, N.J. (2017): Thematic analysis: Striving to meet the trustworthiness criteria. International Journal of Qualitative Methods, 16, 1–13. https://doi.org/10.1177/1609406917733847

  • Zairul, M. (2025). Mastering Thematic Analysis: A Step-by-step Guide for Beginners With Tips for Systematic Analysis Using ATLAS.ti 25. International Journal of Qualitative Methods, 24. https://doi.org/10.1177/16094069251384401

Konventationsanalyse

Konversationsanalyse ist ein qualitatives Auswertungsverfahren, das sich mit der detaillierten Analyse von Gesprächen und Interaktionen beschäftigt. Untersucht wird, wie Gespräche strukturiert sind, wie Sprecher*innen aufeinander reagieren, wie Themen eingeführt werden, wie Zustimmung oder Ablehnung entsteht und wie soziale Wirklichkeit in Gesprächen hergestellt wird. In der qualitativen Geographie wird Konversationsanalyse genutzt, um zu untersuchen, wie in Gesprächen sozialräumliche Bedeutungen, Zugehörigkeiten, Konflikte oder Raumdeutungen interaktiv hergestellt werden. Konversationsanalyse geht davon aus, dass soziale Wirklichkeit im Gespräch entsteht. Für die sozialräumliche Forschung bedeutet dies, dass auch Raum nicht nur beschrieben wird, sondern in Gesprächen hergestellt, verhandelt und interpretiert wird. Beispielsweise kann untersucht werden, wie in Gruppendiskussionen über ein Stadtviertel gesprochen wird, wie in Planungsgesprächen Probleme definiert werden oder wie in Interviews Zugehörigkeit zu einem Ort sprachlich hergestellt wird. Charakteristisch für die Konversationsanalyse ist die sehr genaue Analyse von Gesprächsverläufen. Analysiert werden etwa Gesprächssequenzen, Sprecherwechsel, Pausen, Betonungen, Lachen, Unterbrechungen oder Reparaturen im Gespräch. Dadurch kann untersucht werden, wie Zustimmung entsteht, wie Konflikte verhandelt werden oder wie bestimmte Raumdeutungen dominant werden. Konversationsanalyse wird häufig bei Gruppendiskussionen, Alltagsgesprächen, Beratungsgesprächen, Planungssitzungen oder Interviews eingesetzt, insbesondere wenn Interaktionen zwischen mehreren Personen im Mittelpunkt stehen.

  • Sidnell, J. (2010): Conversation Analysis: An Introduction. Oxford: Wiley-Blackwell.

  • Wooffitt, R. (2005): Conversation Analysis and Discourse Analysis. London: Sage.

Objektive Hermeneutik

Objektive Hermeneutik ist ein Auswertungsverfahren, das darauf abzielt, latente Sinnstrukturen in Texten zu rekonstruieren. Im Zentrum steht nicht das, was Befragte bewusst sagen wollten, sondern die tieferliegenden, oft unbewussten Sinnstrukturen, die sich in sprachlichen Äußerungen zeigen. Die Methode wurde von Ulrich Oevermann entwickelt und wird vor allem in der rekonstruktiven Sozialforschung verwendet. Für die qualitative Geographie ist die objektive Hermeneutik besonders dann interessant, wenn untersucht werden soll, welche impliziten Orientierungen, Selbstverständlichkeiten und sozialen Logiken sozialräumlichem Handeln zugrunde liegen. Beispielsweise kann analysiert werden, wie Menschen Zugehörigkeit zu einem Ort herstellen, wie sie über „gute“ oder „schlechte“ Wohnorte sprechen, wie Räume bewertet werden oder welche Normalitätsvorstellungen über Stadt, Land oder Nachbarschaft existieren. Die objektive Hermeneutik arbeitet sehr textnah und sequenziell. Das bedeutet, dass Texte Zeile für Zeile und oft in Interpretationsgruppen analysiert werden. Ziel ist es, verschiedene mögliche Bedeutungen einer Textstelle zu entwickeln und anschließend zu prüfen, welche Bedeutung im weiteren Textverlauf bestätigt wird. Dafür werden Texte in kleine Sequenzen zerlegt und sehr genau interpretiert, wobei verschiedene Lesarten diskutiert und am weiteren Text überprüft werden. Dadurch sollen latente Sinnstrukturen rekonstruiert werden, also die tieferliegenden Orientierungen, die das Handeln und Denken von Personen strukturieren. In der sozialräumlichen Forschung kann die objektive Hermeneutik beispielsweise genutzt werden, um Interviews zu Wohnentscheidungen, Nachbarschaft, Migration, Bildung, Mobilität oder Landschaft zu analysieren und daraus grundlegende Orientierungsmuster im Umgang mit Raum zu rekonstruieren. Zentral ist die sequenzielle Feinanalyse von Texten.

  • Wernet, A. (2009): Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik. Wiesbaden: VS Verlag.

Tiefenhermeneutik

Tiefenhermeneutik ist ein Auswertungsverfahren, das darauf abzielt, latente Sinnstrukturen, Widersprüche, Emotionen und unbewusste Bedeutungen zu rekonstruieren. Der Ansatz geht davon aus, dass sich in Texten und Erzählungen auch nicht bewusst zugängliche Orientierungen und gesellschaftliche Konflikte ausdrücken. In der qualitativen Geographie wird Tiefenhermeneutik genutzt, um zu verstehen, welche emotionalen, symbolischen oder unbewussten Bedeutungen Räume haben können. Räume sind nicht nur funktionale Orte, sondern auch mit Erinnerungen, Ängsten, Zugehörigkeiten, Verlusten oder Hoffnungen verbunden. In Interviews über Wohnen, Migration, Landschaft, Heimat, Stadt oder Nachbarschaft zeigen sich häufig nicht nur sachliche Beschreibungen, sondern auch emotionale Bindungen, Ambivalenzen oder Konflikte, die mit Tiefenhermeneutik rekonstruiert werden können. Tiefenhermeneutik arbeitet daher nicht nur mit dem, was gesagt wird, sondern auch mit Brüchen im Text, mit Metaphern, mit auffälligen Formulierungen, mit Widersprüchen oder mit emotionalen Passagen. Ziel ist es zu verstehen, welche tieferliegenden Bedeutungen, gesellschaftlichen Normen oder biographischen Erfahrungen sich in Erzählungen über Räume ausdrücken. Die Methode wird häufig in der kulturgeographischen Forschung, der Migrationsforschung, der Landschaftsforschung oder der Stadtforschung eingesetzt, insbesondere wenn symbolische Bedeutungen von Orten, Zugehörigkeit oder Identität untersucht werden. Typisch ist die intensive Interpretation von Textstellen in Interpretationsgruppen. Analysiert werden manifeste Inhalte, latente Bedeutungen, emotionale Ausdrucksformen, Metaphern, Widersprüche und Erzählstrukturen. Die Interpretation erfolgt häufig in mehreren Schritten und mit Bezug zu sozial- und kulturtheoretischen Konzepten. Im Gegensatz zur eher streng geleiteten Sequenzanalyse im Zuge der Objektiven Hermeneutik ist die Tiefenhermeneutik auf Emotionen, Ambivalenzen statt auf objektive Sinnstrukturen ausgelegt. 

 

  • König, H.-D. (2019): Tiefenhermeneutik als Methode. In: Flick, U. (ed.): Handbuch Qualitative Forschung. Wiesbaden: Springer.

Integratives Basisverfahren

Das Integrative Basisverfahren nach Jan Kruse ist ein qualitatives Auswertungsverfahren, das Interviews und andere verbale Daten auf sprachlicher Grundlage analysiert. Es wird als linguistisch fundiertes Verfahren verstanden, weil es davon ausgeht, dass sich Sinnstrukturen in der sprachlichen Form von Aussagen zeigen. Analysiert werden daher nicht nur Inhalte, sondern auch sprachliche Strukturen, Wortwahl, Metaphern, Pronomen, Zeitformen, Erzählstrukturen und Argumentationsweisen. Das Integrative Basisverfahren basiert auf der Annahme, dass Sprache nicht nur Informationen transportiert, sondern soziale Wirklichkeit strukturiert. Deshalb wird Sprache selbst zum Analysegegenstand. Das Verfahren arbeitet mit der Unterscheidung zwischen pragmatischer, semantischer und syntaktischer Ebene. Auf der pragmatischen Ebene wird analysiert, in welchem Kontext etwas gesagt wird und welche Funktion eine Aussage hat. Auf der semantischen Ebene wird untersucht, welche Bedeutungen, Deutungsmuster oder Raumvorstellungen in den Aussagen vorkommen. Auf der syntaktischen Ebene wird analysiert, wie etwas gesagt wird, also beispielsweise Satzstrukturen, Brüche, Wiederholungen, Pronomen oder unklare Bezüge. Für die qualitative Geographie ist dieser Ansatz besonders interessant, weil sich sozialräumliche Wahrnehmungen, Zugehörigkeiten, Abgrenzungen oder Bewertungen häufig in sprachlichen Formulierungen zeigen, etwa wenn Menschen von „wir hier“, „die dort“, „das Viertel“, „auf dem Land“ oder „in der Stadt“ sprechen. Durch die linguistische Analyse kann rekonstruiert werden, wie Räume sprachlich hergestellt, bewertet und strukturiert werden. Zentrale Analyseebenen sind die pragmatische Ebene (Sprechsituation und Funktion der Aussage), die semantische Ebene (Themen, Bedeutungen, Deutungsmuster) und die syntaktische Ebene (sprachliche Struktur, Satzbau, Pronomen, Metaphern, Brüche).

  • Kruse, J. (2015): Qualitative Interviewforschung: Ein integrativer Ansatz. Weinheim: Beltz Juventa.

Dokumentarische Methode

Die dokumentarische Methode ist ein rekonstruktives Auswertungsverfahren, das darauf abzielt, nicht nur den inhaltlichen Sinn von Aussagen zu analysieren, sondern vor allem den dahinterliegenden Orientierungssinn zu rekonstruieren. Ziel ist es, die impliziten Wissensbestände, Selbstverständlichkeiten und kollektiven Orientierungen zu rekonstruieren, die sich in Erzählungen, Diskussionen oder Bildern ausdrücken. Die dokumentarische Methode geht auf Karl Mannheim zurück und wurde von Ralf Bohnsack methodisch weiterentwickelt. Sie basiert auf der Annahme, dass Menschen in ihrem Handeln und Sprechen auf gemeinsames Erfahrungswissen zurückgreifen, das ihnen selbst oft nicht bewusst ist. Dieses Wissen zeigt sich in der Art und Weise, wie Menschen über ihre Lebenswelt, ihre Erfahrungen und auch über Räume sprechen. Für die qualitative Geographie ist die dokumentarische Methode besonders geeignet, um zu rekonstruieren, welche Orientierungen Menschen im Umgang mit Räumen haben, etwa in Bezug auf Nachbarschaft, Wohnen, Mobilität, Landschaft oder Zugehörigkeit. Es geht also nicht nur darum, was Menschen über einen Ort sagen, sondern wie sie darüber sprechen und welche Selbstverständlichkeiten und Deutungsmuster darin sichtbar werden. Zentral ist die Unterscheidung zwischen formulierender Interpretation und reflektierender Interpretation. In der formulierenden Interpretation wird zusammengefasst, was gesagt wird. In der reflektierenden Interpretation wird analysiert, wie etwas gesagt wird und welche Orientierungen und Deutungsmuster dahinterstehen. Häufig werden Fälle miteinander verglichen, um gemeinsame Orientierungsmuster herauszuarbeiten.

  • Bohnsack, R. (2014): Rekonstruktive Sozialforschung: Einführung in qualitative Methoden. Opladen: Barbara Budrich. https://doi.org/10.2307/j.ctvdf0j2y

Aussagenanalyse

Aussagenanalyse ist ein qualitatives Auswertungsverfahren, bei dem einzelne Aussagen systematisch daraufhin untersucht werden, welche Bedeutungen, Argumentationsstrukturen, Deutungsmuster oder Positionierungen in ihnen enthalten sind. Im Zentrum steht die Analyse einzelner Aussagen als Träger von Wissen, Bewertungen, Raumdeutungen oder Argumenten. In der qualitativen Geographie wird Aussagenanalyse häufig verwendet, um zu untersuchen, wie über Räume gesprochen wird, wie Orte bewertet werden, wie Probleme beschrieben werden oder wie politische Positionen zu räumlichen Themen formuliert werden. Aussagen können aus Interviews, Gruppendiskussionen, Medien, politischen Reden, Planungsdokumenten, Podcasts oder Podiumsdiskussionen stammen. Analysiert wird beispielsweise, welche Begriffe verwendet werden, welche Räume wie beschrieben werden, welche Ursachen für Probleme genannt werden, welche Lösungen vorgeschlagen werden oder welche Akteur*innen verantwortlich gemacht werden. Dadurch kann rekonstruiert werden, welche Raumvorstellungen, Problemdiagnosen oder politischen Narrative in Aussagen enthalten sind. Die Aussagenanalyse steht damit der Diskursanalyse sehr nahe, legt aber einen Fokus auf einige Aussagengegenstände. 

  • Fairclough, N. (2003): Analysing Discourse: Textual Analysis for Social Research. London: Routledge.

Diskursanalyse

Diskursanalyse ist ein qualitatives Auswertungsverfahren, mit dem untersucht wird, wie gesellschaftliche Wirklichkeit durch Sprache, Wissen, Bilder und Praktiken hergestellt wird. In der Geographie wird Diskursanalyse genutzt, um zu analysieren, wie über Räume, Orte, Umwelt, Bevölkerung, Migration, Stadt oder Entwicklung gesprochen wird und wie dadurch bestimmte Raumvorstellungen, Problemdiagnosen und politische Handlungsoptionen entstehen. Diskurse strukturieren, wie Räume wahrgenommen, beschrieben und politisch bearbeitet werden. Beispielsweise wird ein Stadtviertel als „Problemviertel“, eine Region als „strukturschwach“, eine Landschaft als „unberührt“ oder Migration als „Krise“ bezeichnet. Solche Begriffe sind nicht neutral, sondern prägen politische Entscheidungen, Planungen und gesellschaftliche Wahrnehmungen von Räumen. Diskursanalyse untersucht daher, welche Begriffe verwendet werden, welche Narrative entstehen, welche Akteur*innen sprechen dürfen, welche Probleme benannt werden und welche Lösungen als denkbar gelten. In der qualitativen Geographie wird Diskursanalyse häufig zur Analyse von Planungsdokumenten, politischen Strategien, Medienberichten, Interviews, Webseiten, Social Media, Podcasts oder politischen Debatten eingesetzt. Analysiert werden Argumentationsmuster, Begriffe, Metaphern, Problemdefinitionen, Sprecherpositionen und Machtverhältnisse in Diskursen. Ziel ist es zu zeigen, wie sozialräumliche Wirklichkeit diskursiv hergestellt wird und welche Folgen dies für Planung, Politik und gesellschaftliche Wahrnehmung von Räumen hat.

  • Waitt, G. (2016): Doing discourse analysis. In: Hay, I. (ed.): Qualitative Research Methods in Human Geography. Oxford: Oxford University Press.

  • Richardson, T. and Jensen, O.B. (2003): Linking discourse and space: towards a cultural sociology of space in analysing spatial policy discourses. Urban Studies, 40(1), 7–22. https://doi.org/10.1080/00420980220080131

Framinganalyse

Framinganalyse ist ein qualitatives Auswertungsverfahren, mit dem untersucht wird, wie Probleme, Themen oder Räume in bestimmten Deutungsrahmen dargestellt werden. Frames sind Deutungsrahmen, die festlegen, wie ein Thema verstanden wird, was als Problem gilt, wer verantwortlich ist und welche Lösungen als sinnvoll erscheinen. In der Geographie wird Framinganalyse genutzt, um zu analysieren, wie sozialräumliche Themen wie Migration, Klimawandel, Stadtentwicklung oder ländliche Räume in Politik, Medien oder Planung dargestellt werden. Framing bestimmt, wie über Räume gesprochen wird und welche politischen Maßnahmen legitim erscheinen. Wenn Migration beispielsweise als „Krise“ gerahmt wird, entstehen andere politische Maßnahmen, als wenn Migration als „Normalität“ oder „Ressource“ gerahmt wird. Wenn ein Stadtviertel als „Problemviertel“ bezeichnet wird, hat dies andere Folgen, als wenn es als „Quartier im Wandel“ beschrieben wird. Framinganalyse untersucht daher, wie Probleme definiert werden, welche Ursachen genannt werden, welche Akteur*innen verantwortlich gemacht werden und welche Lösungen vorgeschlagen werden. Analysiert werden dabei Texte wie Zeitungsartikel, politische Reden, Planungsdokumente, Interviews, Podcasts oder Social Media. Die Methode steht in enger Verbindung mit Diskursanalyse, ist aber stärker auf Problemdefinitionen und politische Deutungsrahmen fokussiert. In der Geographie wird Framinganalyse häufig in der politischen Geographie, Stadtgeographie, Umweltgeographie oder Entwicklungsgeographie eingesetzt.

  • Wehling, E. (2016). Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht. Cologne: von Halem.

  • Wehling, E. (2017). Political Framing. In Perrin, D., & Cotter, C. (Eds.), The Routledge Handbook of Language and Media. Oxon, UK: Taylor & Francis/Routledge.

Metaphernanalyse

Metaphernanalyse ist ein Auswertungsverfahren, bei dem sprachliche Bilder und Metaphern systematisch untersucht werden, um zu rekonstruieren, wie Menschen komplexe Sachverhalte verstehen und darstellen. Metaphern strukturieren Denken und Wahrnehmung, da sie abstrakte oder komplexe Phänomene über bekannte Bilder und Vorstellungen verständlich machen. In der Geographie wird Metaphernanalyse genutzt, um zu untersuchen, wie Räume, Landschaften, Städte, Migration, Umwelt oder Bevölkerung sprachlich vorgestellt und interpretiert werden. Metaphern spielen in der sozialräumlichen Forschung eine wichtige Rolle, weil über Räume häufig metaphorisch gesprochen wird. Typische Metaphern sind zum Beispiel „Wachstum“ von Städten, „soziale Brennpunkte“, „Inseln des Wohlstands“, „Ströme“ von Migration, „Netzwerke“, „Zentrum und Peripherie“ oder „Grenzen“. Solche Metaphern sind nicht nur sprachliche Bilder, sondern prägen, wie Räume verstanden, bewertet und politisch behandelt werden. Metaphernanalyse untersucht daher, welche Metaphern verwendet werden, welche Raumvorstellungen damit verbunden sind und welche politischen oder gesellschaftlichen Konsequenzen diese Metaphern haben. In der Geographie wird Metaphernanalyse häufig in der Diskursanalyse, Medienanalyse oder Politikanalyse eingesetzt.

  • Lakoff, G. and Johnson, M. (1980): Metaphors We Live By. Chicago: University of Chicago Press.

  • Schmitt, R. (2005): Systematische Metaphernanalyse als Methode der qualitativen Sozialforschung. Forum Qualitative Sozialforschung, 6(2). 

Argumentationsanalyse

Argumentationsanalyse ist ein qualitatives Auswertungsverfahren, bei dem untersucht wird, wie Argumente aufgebaut sind, wie Probleme begründet werden, welche Ursachen genannt werden, welche Lösungen vorgeschlagen werden und wie bestimmte Positionen gerechtfertigt werden. In der Geographie wird Argumentationsanalyse genutzt, um zu analysieren, wie sozialräumliche Themen wie Stadtentwicklung, Migration, Klimaanpassung, Infrastruktur oder Landschaftsschutz begründet und politisch verhandelt werden. In vielen sozialräumlichen Konflikten und Planungsprozessen geht es nicht nur um Interessen, sondern auch um Argumente. Unterschiedliche Akteur*innen begründen, warum ein Projekt notwendig ist, warum ein Gebiet geschützt werden soll oder warum bestimmte Gruppen ein Recht auf Wohnraum haben. Argumentationsanalyse untersucht daher, welche Argumentationsmuster verwendet werden, welche Werte und Normen dahinterstehen und welche Raumvorstellungen damit verbunden sind. Analysiert werden beispielsweise politische Debatten, Planungsdokumente, Medienberichte, Interviews mit Akteur*innen, Podiumsdiskussionen oder Beteiligungsverfahren. Ziel ist es zu rekonstruieren, wie sozialräumliche Probleme argumentativ konstruiert werden und welche Argumente sich in politischen Prozessen durchsetzen. Argumentationsanalyse wird häufig in der politischen Geographie, Stadtgeographie, Planungsforschung oder Umweltgeographie eingesetzt, insbesondere bei der Analyse von Konflikten um Raum, Infrastrukturprojekte, Umweltpolitik oder Stadtentwicklung.

  • Toulmin, S. (2003): The Uses of Argument. Cambridge: Cambridge University Press.

  • Perelman, C. and Olbrechts-Tyteca, L. (1969): The New Rhetoric: A Treatise on Argumentation. Notre Dame: University of Notre Dame Press.

  • Felgenhauer, T. (2007): Geographie als Argument. Eine Untersuchung regionalisierender Begründungspraxis am Beispiel Mitteldeutsch. Stuttgart. Franz Steiner.

Transaktionsanalyse

Die Transaktionsanalyse ist ursprünglich ein sozialpsychologisches Kommunikationsmodell, das von Eric Berne entwickelt wurde, und kann als qualitatives Analyseinstrument genutzt werden, um Kommunikationsprozesse, Interaktionen und Beziehungsmuster zu untersuchen. Im Zentrum steht die Analyse von Kommunikationssituationen, insbesondere der Frage, wie Menschen miteinander sprechen, welche Rollen sie dabei einnehmen und welche Interaktionsmuster entstehen. In der qualitativen Geographie kann die Transaktionsanalyse genutzt werden, um Interaktionen in sozialräumlichen Kontexten zu analysieren, etwa in Beteiligungsverfahren, Planungsprozessen, Nachbarschaftskonflikten, Workshops, Podiumsdiskussionen oder Gruppendiskussionen. Dabei wird untersucht, wie Kommunikation verläuft, wer dominant spricht, wie Konflikte entstehen, wie Zustimmung hergestellt wird oder wie bestimmte Akteur*innen marginalisiert werden. Zentral ist die Annahme, dass Kommunikation häufig bestimmten Mustern folgt. Die Transaktionsanalyse unterscheidet beispielsweise zwischen verschiedenen Ich-Zuständen wie Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich und Kind-Ich, die sich in Kommunikationssituationen zeigen können. Dadurch kann analysiert werden, ob Kommunikation auf Augenhöhe stattfindet, ob hierarchische Kommunikationsmuster entstehen oder ob Konflikte eskalieren. Analysiert werden Gesprächsverläufe, Sprecherrollen, Kommunikationsmuster, Konfliktverläufe und Interaktionsstrukturen. Datengrundlage können Interviews, Gruppendiskussionen, Beobachtungsprotokolle oder Videoaufnahmen sein.

  • English, F. (2008): Transaktionsanalyse: Gefühle und Ersatzgefühle in Beziehungen. Iskopress Salzhausen.

  • Hagehülsmann, U. (2006): Transaktionsanalyse – Wie geht denn das? Transaktionsanalyse in Aktion I. Junfermann, Paderborn.

Sprechaktanalyse

Die Sprechaktanalyse ist ein linguistisch orientiertes Auswertungsverfahren, das untersucht, welche Handlungen durch Sprache vollzogen werden. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Sprache nicht nur Informationen übermittelt, sondern Handlungen ausführt, etwa versprechen, warnen, fordern, planen, kritisieren oder legitimieren. In der qualitativen Geographie wird Sprechaktanalyse genutzt, um zu untersuchen, wie durch Sprache sozialräumliche Wirklichkeiten hergestellt, legitimiert oder verändert werden. In sozialräumlichen Kontexten spielen sprachliche Handlungen eine wichtige Rolle, etwa in Planungsprozessen, politischen Reden, Beteiligungsverfahren, Medien oder Interviews. Wenn beispielsweise eine Stadtverwaltung ein Gebiet als „Sanierungsgebiet“ erklärt, wird durch diese sprachliche Handlung eine neue räumliche Realität geschaffen. Wenn Politiker*innen von „Problemquartieren“ sprechen, hat dies reale Auswirkungen auf Planung und Politik. Sprechakte können also Räume nicht nur beschreiben, sondern auch verändern. Die Sprechaktanalyse untersucht daher, welche sprachlichen Handlungen in Aussagen vorkommen. Unterschieden werden beispielsweise Feststellungen, Aufforderungen, Versprechen, Drohungen, Rechtfertigungen oder Bewertungen. Dadurch kann analysiert werden, wie Akteur*innen versuchen, andere zu überzeugen, Maßnahmen zu legitimieren oder Probleme zu definieren. In der Geographie wird Sprechaktanalyse besonders in der politischen Geographie, Planungsforschung oder Diskursforschung eingesetzt, da hier Sprache häufig handlungswirksam ist und räumliche Entscheidungen vorbereitet oder legitimiert.

  • Austin, J.L. (1962): How to Do Things with Words. Oxford: Oxford University Press.

  • Searle, J.R. (1969): Speech Acts: An Essay in the Philosophy of Language. Cambridge: Cambridge University Press.

  • Schurr, C. (2014): Geography speaks: performative aspects of geography. Geographica Helvetica 69. 131-133. 

VISUELLE AUSWERTUNGSMETHODEN

Artefaktanalyse

Artefaktanalyse ist ein qualitatives Analyseverfahren, bei dem materielle Gegenstände, gebaute Umwelten, Objekte oder visuelle Materialien untersucht werden, um sozialräumliche Praktiken, Bedeutungen und gesellschaftliche Strukturen zu rekonstruieren. Artefakte können beispielsweise Gebäude, Denkmäler, Karten, Alltagsgegenstände, Kleidung, technische Geräte, Infrastrukturen, Ausstellungen oder digitale Artefakte wie Webseiten oder Apps sein. In der Geographie spielen materielle Dinge eine zentrale Rolle, da Räume nicht nur durch Diskurse und Praktiken, sondern auch durch materielle Strukturen und Objekte geprägt sind. Artefakte können zeigen, wie Räume genutzt werden, welche Machtverhältnisse bestehen, welche sozialen Gruppen angesprochen werden oder welche Raumvorstellungen in Planung und Gestaltung eingeschrieben sind. Durch die Analyse von Artefakten kann beispielsweise untersucht werden, wie öffentliche Räume gestaltet sind, wie Sicherheit in der Stadt materiell umgesetzt wird, wie Grenzen materiell sichtbar werden, wie touristische Orte inszeniert werden oder wie Nachhaltigkeit in Gebäuden oder Infrastrukturen materialisiert wird. Artefakte werden dabei als Ausdruck sozialer Praktiken und gesellschaftlicher Werte verstanden. Artefaktanalyse wird häufig mit Beobachtungen, Fotografie, Kartierung, Dokumentenanalyse oder Diskursanalyse kombiniert. Sie ist besonders relevant in der Stadtgeographie, Kulturgeographie, politischen Geographie oder Tourismusgeographie.

  • Hodder, I. (2012): Entangled: An Archaeology of the Relationships between Humans and Things. Malden: Wiley-Blackwell.

  • Lueger, M. & U. Froschauer (2018): Artefaktanalyse. Grundlagen und Verfahren. Springer. 

Bildanalyse

Bildanalyse ist ein qualitatives Auswertungsverfahren, bei dem Fotografien, Karten, Zeichnungen, Filme, Social-Media-Bilder, Werbebilder oder andere visuelle Materialien systematisch analysiert werden. Ziel ist es zu untersuchen, welche Bedeutungen, Raumvorstellungen, Machtverhältnisse oder sozialen Ordnungen in Bildern dargestellt und produziert werden. Bilder spielen in der Geographie eine zentrale Rolle, da Räume häufig über Bilder vermittelt werden, etwa in Karten, Tourismusbroschüren, Medienbildern, Planungsvisualisierungen oder Social Media. Bilder zeigen nicht einfach Räume, sondern stellen sie auf bestimmte Weise dar. Sie wählen Ausschnitte, Perspektiven und Darstellungsweisen und prägen damit, wie Räume wahrgenommen und bewertet werden. Bildanalyse untersucht daher, was auf Bildern zu sehen ist, was nicht zu sehen ist, aus welcher Perspektive ein Bild aufgenommen wurde, welche Personen oder Dinge dargestellt werden, welche Atmosphäre erzeugt wird und welche Raumvorstellungen vermittelt werden. In der Geographie wird Bildanalyse häufig genutzt, um Darstellungen von Stadt, Landschaft, Natur, Migration, Entwicklung oder Bevölkerung zu untersuchen.

Methodisch können unterschiedliche Ansätze verwendet werden, etwa ikonographische Analyse, ikonologische Analyse, visuelle Diskursanalyse oder visuelle Inhaltsanalyse. Häufig wird Bildanalyse mit Diskursanalyse oder Dokumentenanalyse kombiniert.

  • Rose, G. (2016): Visual Methodologies. 4th ed. London: Sage.

  • Rose, G. (2003): On the need to ask how, exactly, is geography visual? Antipode, 35(2), 212–221. https://doi.org/10.1111/1467-8330.00317

Bilddiskursanalyse

Bilddiskursanalyse ist ein Ansatz, mit dem Bilder nicht nur als einzelne visuelle Objekte, sondern als Teil gesellschaftlicher Diskurse untersucht werden. Im Zentrum steht also nicht allein, was auf einem Bild zu sehen ist, sondern wie Bilder Wissen, Normen, Machtverhältnisse und gesellschaftliche Wirklichkeiten mit hervorbringen. Bilder gelten dabei nicht als neutrale Abbilder der Realität, sondern als aktive Elemente in Prozessen der Bedeutungsproduktion. Aus einer diskursanalytischen Perspektive fragt die Bilddiskursanalyse danach, welche Deutungen durch Bilder nahegelegt werden, welche Subjekte und Objekte wie dargestellt werden, welche Perspektiven sichtbar oder unsichtbar bleiben und welche gesellschaftlichen Ordnungen dadurch stabilisiert oder irritiert werden. Wichtig ist auch, Bilder nicht isoliert zu lesen, sondern in ihren Kontexten zu verorten, also etwa in Medien, politischen Debatten, wissenschaftlichen Visualisierungen, Werbung, Schulbüchern oder sozialen Medien. Methodisch verbindet die Bilddiskursanalyse häufig visuelle Bildanalyse mit Diskursanalyse. Untersucht werden zum Beispiel Motivwahl, Komposition, Perspektive, Farbsymbolik, Blickregime, Körperdarstellungen, räumliche Anordnungen, wiederkehrende Bildtypen und die Verbindung von Bild und Text. Entscheidend ist dabei, welche regelhaften Muster sich über viele Bilder hinweg zeigen. Es geht also weniger um die Interpretation eines einzelnen Bildes als um die Analyse eines visuellen Feldes. Für eine kritisch informierte Forschung, etwa feministisch, postkolonial oder rassismuskritisch, ist die Bilddiskursanalyse besonders interessant, weil sie sichtbar machen kann, wie Geschlecht, „Race“, Klasse, Nation, Natur oder Bevölkerung visuell normiert werden. Sie fragt also auch, wer wie repräsentiert wird, wer überhaupt bildwürdig erscheint und welche Hierarchien sich in visuellen Ordnungen einschreiben.

  • Schlottmann, A. and Miggelbrink, J. (2009): Visual geographies and the study of images. Geographische Zeitschrift, 97(1), 1–19.

  • Wintzer, J. (2019). The Visualization of Migration. International Journal of Qualitative Methods, 18, 160940691984410.

  • Wintzer, J. (2021). Picturing the Enemies: Visuelle Praktiken der Emotionalisierung und Nachvollsehbarkeit in der politischen Kommunikation. In H. Kanter, M. Brandmayr, & N. Köffler (Eds.), Bilder, soziale Medien und das Politische Transdisziplinäre Perspektiven auf visuelle Diskursprozesse. transcript.

Videoanalyse

Videoanalyse ist ein qualitatives Auswertungsverfahren, bei dem Videoaufnahmen systematisch analysiert werden, um soziale Praktiken, Interaktionen, Bewegungen, Körperpraktiken und räumliche Nutzungen zu untersuchen. Videos ermöglichen es, Handlungen im Raum, Interaktionen zwischen Menschen sowie Beziehungen zwischen Menschen und materieller Umwelt zu analysieren. Für die qualitative Geographie ist Videoanalyse besonders relevant, weil viele sozialräumliche Prozesse nicht nur sprachlich stattfinden, sondern körperlich, materiell und situativ im Raum. Mit Videoanalyse können beispielsweise Bewegungen im öffentlichen Raum, Nutzung von Parks, Interaktionen in Nachbarschaften, Mobilitätspraktiken, Grenzpraktiken, touristische Praktiken oder alltägliche Raumaneignungen untersucht werden. Videoanalyse erlaubt es, Interaktionen mehrfach anzusehen und detailliert zu analysieren, etwa Bewegungen, Blickrichtungen, Abstände zwischen Personen, Nutzung von Objekten oder räumliche Routinen. Dadurch können Praktiken sichtbar werden, die in Interviews oft nicht beschrieben werden. Die Methode wird häufig in der Stadtgeographie, Mobilitätsforschung, Kulturgeographie oder Grenzforschung eingesetzt. Videoanalyse wird häufig mit ethnographischen Ansätzen, Konversationsanalyse, Artefaktanalyse oder visueller Analyse kombiniert. Sie ist besonders geeignet, wenn Praktiken, Körper, Bewegungen und Interaktionen im Raum untersucht werden.

Methodisch typisch ist die wiederholte Analyse von Videosequenzen, die Transkription von Gesprächen und Handlungen, die Analyse von Bewegungen, Interaktionen, räumlichen Anordnungen und materiellen Umgebungen sowie die Interpretation der beobachteten Praktiken im sozialräumlichen Kontext.

  • Wilke, R. & H. Knoblauch (2025): Videographie und Videoanalyse. Beiträge zur Erhebung, Analyse und Nutzung von Videodaten in der Qualitativen Forschung. Beltz. 

  • Heath, C., Hindmarsh, J. and Luff, P. (2010): Video in Qualitative Research. London: Sage.

Dokumentarische Bildanalyse

Die dokumentarische Bildanalyse ist ein rekonstruktives Auswertungsverfahren zur Analyse von Bildern und visuellen Materialien. Ziel ist es, nicht nur zu analysieren, was auf einem Bild zu sehen ist, sondern die dahinterliegenden kollektiven Orientierungen, Deutungsmuster und gesellschaftlichen Wissensbestände zu rekonstruieren, die sich in der Bildproduktion und Bildgestaltung ausdrücken. Die Methode basiert auf der dokumentarischen Methode nach Ralf Bohnsack und wurde auf Bilder und visuelle Materialien übertragen. Für die qualitative Geographie ist die dokumentarische Bildanalyse relevant, weil Bilder wichtige Träger sozialräumlicher Vorstellungen sind. Fotografien, Karten, Planungsvisualisierungen, Familienfotos, Social-Media-Bilder oder Tourismusbilder zeigen nicht nur Räume, sondern auch, wie Räume gesehen, bewertet und dargestellt werden. Die dokumentarische Bildanalyse fragt daher, welche Raumvorstellungen, Normalitätsvorstellungen oder sozialen Ordnungen sich in Bildern ausdrücken.

Im Unterschied zu inhaltsorientierten Bildanalysen geht es nicht nur um den Bildinhalt, sondern um die Bildkomposition, Perspektive, Anordnung von Personen und Objekten, Blickrichtungen, Nähe und Distanz oder Bildausschnitte. Dadurch soll rekonstruiert werden, welche impliziten Orientierungen und Raumverständnisse sich im Bild zeigen.

  • Bohnsack, R. (2009): Qualitative Bild- und Videointerpretation. Opladen: Barbara Budrich.

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